Der Zivilisationswahn und die Entfremdung des Menschen von der Natur

Selbst den unkritischsten Fortschrittsdenkern und Wachstumsgläubigen dürfte mittlerweile nicht entgangen sein, dass in allen Zivilgesellschaften dieser Erde immer mehr Menschen wie von einer nicht mehr anzuhaltenden Dampfwalze überrollt werden. Den Preis dieses vermeintlichen Fortschritts bekommen immer mehr Menschen in Form von Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Sinnleere und zunehmender Hilflosigkeit zu spüren.

Konrad Lorenz meint, „dass die Menschheit an sich selbst zu ersticken droht; ihre edelsten und am differenziertesten Eigenschaften und Fähigkeiten lösen sich im Verlaufe einer Kulturerkrankung auf. Die Enge in modernen Großstädten trägt zur Abgrenzung bei, Nutzmenschen wohnen in Legebatterien und sind nicht in der Lage, alle über ihren Freundes- oder Bekanntenkreis hinausgehenden Menschen zu lieben. Deshalb hält man sich Fremde gefühlsmäßig vom Leib und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid bei anderen geht mit einer wachsenden Reizbarkeit und innerartlichen Aggressivität einher“ (Konrad Lorenz).

Der Mensch hat viele Jahrtausende seine Lebensumstände und sich selbst nur wenig verändert und befand sich damit in weitgehender harmonischer Anpassung an die Natur und seiner Umgebung. Doch die Zivilisation, wie wir sie in den letzten hundert Jahren erlebt haben, hat die Lebensverhältnisse des Menschen viel schneller verändert, als dass er sich hätte genügend anpassen können. Sicher kann sich der Mensch anpassen, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sich durch Druck und Zwang soweit anpasst, um überhaupt überleben zu können, oder ob man sich so anpasst um gut und mit Freunde und Spaß das Leben genießen zu können. Gerade dazu sind wir aber bis heute kaum in der Lage. Und wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir uns auch nicht anpassen können, weil die meisten zivilisatorischen Veränderungen und jetzige Entwicklungen so gegen die Gesetze der Natur sind, dass eine Anpassung ohne bleibende gesundheitliche und geistige Schäden gar nicht möglich sein wird. Wir haben so viel technisch und materiell verbessert und leiden trotzdem immer mehr. Auf den ersten Blick beeindruckt uns der Vorteil einer Sache oder Errungenschaft. Doch die meist zu Beginn noch verschleierten oder nicht sichtbaren Nachteile werden erst später deutlich. Es würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen, die unzähligen Beispiele und Belege dafür zu beschreiben. Darüber hinaus täuscht sich, wer glaubt die Sklaverei sei längst abgeschafft. Wir sind längst Sklaven einer rücksichtslosen Wirtschaftsentwicklung und Ausbeutung auf unsere und Kosten zukünftiger Generationen. Auch die Freiheit, die wir angeblich haben, ist eine Schein-Freiheit. „Es scheint, dass die Menschen unfreier sind denn je. Das gilt auch für die Gedankenfreiheit. Es existiert ein unglaublicher Konformismus“ so der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz.

Viele spüren längst, dass da etwas nicht stimmt mit unserem Lebenswandel. Sie fühlen die Entfremdung zur Natur, das Getrenntsein und Abgeschnittensein von der Natur und anderen Menschen gegenüber. Doch unser Jammern und unsere Trägheit und das Verbleiben in der Bequemlichkeit lässt uns in der jetzigen Situation verharren.

Nichts ist so wichtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist

Das alleinige Setzen auf Wachstum und Produktion nur um der Produktion willen führt uns sichtbar nicht weiter. Nur wenige, immer reicher und arroganter werdende Bevölkerungsschichten profitieren davon. Diese immer noch propagierte Entwicklung hat natürlich auch zur Folge, dass noch mehr Menschen aus allen Teilen der Welt das Land und ihre Dörfer verlassen und in die Stadt ziehen. Die Städte können mit dieser Entwicklung schon lange nicht mehr Schritt halten, wie an Hand von genügend Beispielen dargestellt werden könnte. Dass es hier früher oder später noch zu weit schlimmeren, katastrophalen Zuständen (Versorgung, Hygiene, Kriminalität u.a.) kommen wird als jetzt schon, braucht wohl nicht erläutert zu werden. Umweltzerstörung, Perspektivlosigkeit und allgemeine Verelendung haben uns an den Rand des Chaos gebracht. Die Scheinheiligkeit mit der viele Dinge „gesundgebetet“ werden ist kaum noch zu ertragen.

„Deshalb müssen wir uns dazu aufraffen, uns wieder verstärkt und bewusst der Landarbeit und dem Leben auf dem Lande im Einklang mit der Natur zuzuwenden.
„Es muss wieder eine entschiedene Hinwendung zu landwirtschaftlich-gärtnerischer Tätigkeit einsetzen, so sehr dies dem gegenwärtigen Trend bei uns und in der sog. Dritten Welt auch widerspricht“ (Oswald Hitschfeld).

Sicher ist jeder Beginn schwer, insbesondere wenn er sich gegen die allgemein herrschende Meinung und den allgemeinen Lebensstil richtet. Doch diese herrschende Meinung, die diesen Gedanken sofort ins Utopische und Unmögliche verweisen wird, folgt oder entsteht aus Interessen, die nicht im wirklichen Interesse des Menschen liegen. Es ist ein Profit- und materialistisches Interesse, das auf Macht, Geltungssucht und Habgier gegründet ist. Es ist das Bestreben, die jetzige Zivilisationsgesellschaft mit allen ihren abstrusen Formen und Auswirkungen auf Gedeih und Verderb zu erhalten. Koste es was es wolle – zu Lasten der individuellen Freiheit des Menschen und der Natur. Wir sind genormt, geformt, gedrillt und gefügig gemacht worden; das Gehirn auf Sicherheit und Absicherungen programmiert und mit unnötigen Zahlen und Formeln gespeichert worden. All das macht uns für das „wahre Leben“ (z.B. Änderung der Lebensweise, Umstieg, Ausstieg) „lebensdumm“.

„Die Menschen zögern oft, einen Anfang zu machen, weil sie fühlen, dass das Ziel nicht vollständig erreicht werden kann. Diese Geisteshaltung ist genau unser größtes Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt, ein Hindernis, das jeder Mensch, sofern er nur will, aus dem Weg räumen kann“ (Mahatma Gandhi: Die Welt von morgen).

„Man kann trotz aller Wissenschaft und Kenntnis einfach und bescheiden leben, ohne sich zu bereichern oder das Leben und die Welt entscheidend zu verändern. Man muss lediglich wissen, dass das beste Leben das natürliche ist“(Gerhard Schönauer).

Die meisten Regierungen dieser Welt – und da macht Deutschland keine Ausnahme – haben längst vergessen, dass ihre Völker gegen ihren Willen regiert werden. Kein Wunder, denn die meisten Regierungen sind so zersetzt und unmittelbar beeinflusst und korrumpiert von mächtigen Wirtschafts- und Lobbyinteressen. Daher will der Staat Industrie, materiellen Reichtum, Konsum, Fortschritt, Straßen, Verkehr usw. Deshalb ist der Staat auch gegen eine Rückkehr zu einem einfachen Landleben. Aber der Weg zum Leben auf dem Land ist auch ein Weg, sich selbst und Gott zu finden. Schon allein aus diesem Grund ist es wichtig, sich damit näher zu befassen und sich ernsthafte Gedanken zu machen und zu handeln.

Mahatma Gandhi sagte:“… wir müssen uns auf das Dorf als selbstorientierte und nur für den lokalen Gebrauch produzierende Einheit konzentrieren. Eine Wiedergeburt des Dorfes ist nur möglich, wenn es nicht mehr ausgebeutet wird. Massenhafte Industrialisierung aber muss ganz zwangsläufig zu direkter oder individueller Ausbeutung der Dorfbewohner führen, weil sie mit Problemen des Wettbewerbs und der Vermarktung einhergeht.“

Die Einschränkung der Zivilisation, die Rückkehr zum einfachen Leben oder zum Ausprobieren neuer Wege auf dem Land erscheint uns als der schwierigere Weg. Er erscheint auch deshalb so schwierig, weil er es erforderlich macht, uns von vielen Dingen, an die wir uns im Laufe der Jahre gewöhnt haben, zu trennen. Doch wenn wir das erst einmal zulassen, werden wir lernen Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und erfahren, dass weniger oft mehr bedeutet. Nämlich ein „mehr“ an Lebensqualität und Freude. Unsere Konsum- und Glitzerwelt zeigt doch gerade, dass die Freiheit nach Belieben alles haben und alles machen zu können, eben nicht glücklich macht.

Noch können wir zu den Wurzeln unseres Menschseins zurückkehren, noch ist der Brunnen des natürlichen Lebens nicht versiegt, noch hat jeder im tiefsten Innern seines Herzens einen Resttrieb zu den Quellen des Lebens und des Glücks zurück zu kehren. Doch die Zeit ist reif,  j e t z t mit einem ersten Schritt zu beginnen. Und wenn es nur ein kleiner persönlicher Schritt ist. Doch viele kleine Schritte ergeben eine Bewegung, eine Bewegung könnte eine Veränderung sein, eine Veränderung könnte eine neue Lebensqualität bedeuten. Eine neue Lebensqualität könnte einen neuen Lebensabschnitt mit mehr Freude und inneren Frieden bedeuten und vieles mehr.

Wenn an vielen kleinen Orten,
viele kleine Menschen
viele kleine Dinge tun,
wird sich das Angesicht der Erde wandeln.

(afrikanisches Sprichwort)

Tun wir deshalb das Mögliche, damit das hier Angeregte zum Handeln führt (zitiert nach Oswald Hitschfeld).

Hans Jürgen Stang

Ich bedanke mich bei Uwe (Schweiz), Maciej (Polen), Wolfgang (Bodensee) und Guiselle (Guatemala), die mich inspiriert haben, diesen Artikel zu schreiben.

Fundstellen:

Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

Hitschfeld, Oswald: Der Kleinsthof und andere gärtnerisch-landwirtschaftliche Nebenerwerbsstellen: ein sicherer Weg aus der Krise (OLV Verlag)

Gandhi, Mahatma: Über die Wiedergeburt des Dorfes Gott finden und Die Welt von morgen

Schönauer, Gerhard: Zurück zum Leben auf dem Lande (Goldmann Verlag, München, vergriffen). Gekürzte Fassung als freies E-Book unter www.tierversuchsgegner.org/texte/Aussteiger.html

Weitere interessante Stellen im Internet:

www.kleinsthof.de
www.anders-leben.tk
www.ratgeber-aussteigen.de
www.aussteigen.de
www.on.tour.ms
www.dahlke.at