Go East – eine Radreise nach Weißrussland

2 · 23 · 09

Der Anfang

Nachdem ich mich entschlossen hatte, auch in diesem Jahr wieder den östlichen Teil Europas „unter die Räder zu nehmen“ ergab sich im Laufe des Jahres eine Bekanntschaft zu einem in Deutschland arbeitenden Au-Pair-Mädchen aus Weißrussland (Belarus).  So erhielt ich eine Einladung dorthin und konnte dadurch ein Visum bekommen.   Zunächst wollte ich aber noch Brieffreunde in Krakau (Polen) besuchen und so wählte ich Krakau als Ausgangspunkt meiner Radtour.  Von hier aus sollte es bis zur polnisch-weißrussischen Grenze gehen und dann weiter durch Weißrussland.

Nach einer nächtlichen Zugfahrt und weiteren 10 Stunden im Zug erreiche ich gegen Abend Krakau. Dort werde ich am Bahnhof schon erwartet und per Straßenbahn geht es zu den Eltern meiner Brieffreunde, wo das Fahrrad vorerst einen sicheren Unterstellplatz findet. Mit dem Auto fahren wir dann zum Haus der Familie in Wieliczka, wo ich zwei Tage bleiben werde. Am ersten Tag steht die Besichtigung des dortigen Salzbergwerkes, in dem seit 700 Jahren Salz gewonnen wird, auf dem Programm. Das in der Welt einzigartige Salzbergwerk gehört zum UNESCO- Weltkulturerbe. Nur zwei Kilometer der über 200 Km unterirdischen Stollen und Kammern sind öffentlich zugänglich. Sie sind bis zu 135 Meter tief und haben eine konstante Temperatur von 13 bis 14 Grad Celsius.

Am nächsten Tag besuchen wir gemeinsam Krakau. Ohne Zweifel gehört Krakau zu den schönsten Städten Europas. Im Laufe der Jahrhunderte arbeiteten hier viele bedeutende Künstler und Architekten, darunter Veit Stoß aus Deutschland, Bartolomeo Berrecci und Giovanni Maria Padovano aus Italien und Tylman van Gameren aus den Niederlanden. Krakau blieben schwere Zerstörungen erspart, so dass es die meisten historischen Bauwerke Polens hat. Krakau besitzt mit dem Rynek Glówny, einer der größten Marktplätze Europas. Hier pulsiert das Leben in der Stadt. Der Marktplatz wird überragt von der Marienkirche. Diese imposante Kirche erbauten die Krakauer, um mit der königlichen Kathedrale auf dem Wawel-Hügel zu konkurrieren. Gegenüber der Marienkirche befinden sich die Tuchhallen. Sie ersetzten eine frühere gotische Markthalle. Während sich heute im Erdgeschoss Cafés und Souvenirläden befinden, zeigt im Obergeschoss die Galerie Polnischer Maler Gemälde des 19. Jahrhunderts. Die Barbakane gehört zu den noch stehenden Teilen von Krakaus mittelalterlicher Stadtbefestigung. Dieser Teil der Stadtbe- festigung schützte das Florianstor, mit dem sie durch einen unterirdischen Tunnel verbunden war. Krakau besitzt auch ein Königsschloss auf dem Wawel-Hügel. Es gilt als eines der prächtigsten Renaissance-Residenzen Mitteleuropas. Heute ist dort ein Museum untergebracht. Der Wawel wird von einer Befestigungsanlage mit mehreren Türmen umschlossen. Auf dem Wawel-Hügel steht eine der bedeutendsten Kirchen Polens, die Kathedrale der Heiligen Stanislaw und Waclaw. In der Kathedrale befindet sich auch die größte Glocke Polens mit fast 11 Tonnen Gewicht und einem Durchmesser von über zwei Metern. Außerdem fanden hier die meisten polnischen Könige ihre letzte Ruhe sowie Nationalhelden und berühmte Dichter.

Fahrt durch Malopolska

Nach diesem Aufenthalt kribbelt es am nächsten Morgen in den Beinen, als ich dann von Krakau aus mit dem Rad losfahre. Es ist gar nicht so einfach den richtigen Weg aus der Stadt heraus zu finden. An unzähligen Industrieanlagen vorbeifahrend, bin ich froh, als der Verkehr endlich nachlässt. Die ersten Tage meiner Reise fahre ich parallel am Weichsel-Fluss entlang. Allerdings bekomme ich den Fluss selten zu Gesicht. Die Fahrt führt zunächst durch die Region Malopolska (Kleinpolen).

Jahrhundertelang war Malopolska das Herz Polens. Seine Bedeutung begann jedoch Ende des 16. Jahrhunderts, als die Hauptstadt der Republik von Krakau nach Warschau verlegt wurde, zu schwinden.

Um die Mittagszeit habe ich bereits über 50 Km zurückgelegt – kein Wunder, denn am ersten Tag bin ich noch ausgeruht! Am Ende stehen dann exakt 100 Km auf dem Tacho, als ich an einem Bauernhof um Übernachtung nachfrage. Ich bekomme erst einmal etwas zum Essen und Tee, dann zeigen Bogdan und Katharina mir ein leeres Zimmer, wo ich mich heute Nacht mit meiner Iso-Matte und dem Schlafsack ausbreiten kann. Es gibt sogar noch eine warme Dusche und anschließend zeige ich Ihnen im Wohnzimmer meine mitgebrachten Fotos. Während Katharina Englisch spricht, unterhalte ich mich mit Bogdan mit Händen und Füßen. Aber irgendwie scheint es zu funktionieren. Nach einem Frühstück mit Tee im Haus fahre ich am nächsten Morgen weiter. Erst gegen Mittag hört der starke Gegenwind auf. Ich erreiche Baranów Sandomierski. Dort steht das von 1591 – 1606 gebaute Schloss Leszczynski. Es gehört zu den schönsten Beispielen manieristischer Architektur in ganz Polen. Ich besichtige das Schloss, das aus vier um einen rechteckigen Arkadenhof angeordneten Flügeln besteht.

Nach der Schlossbesichtigung meldet sich verstärkt mein Magen und nach vergeblicher Suche eines Restaurants beschließe ich auf dem Gelände einer Schule meinen unterwegs gekauften Proviant zu verkleinern. Kaum habe ich das Essen ausgepackt, beginnt die Pause in der Schule und innerhalb kürzester Zeit bin ich von einer Vielzahl von Schülern umringt. Nachdem jeder Biss von mir mit Fragen und neugierigen Blicken begleitet wird, muss ich bis zum Ende der Pause warten, bevor ich in Ruhe fertig essen kann. Aber ich kann die Schüler verstehen – denn wann kommt schon einmal ein deutscher Radfahrer in ihre Schule? Nach einer anschließenden Ruhepause geht es auf einer vielbefahrenen Straße weiter bis Sandomierz.

Auf einer großen Brücke überquere ich die Weichsel und genieße einen imposanten Blick auf die Stadt. Sandomierz wurde 1138 Hauptstadt eines eigenständigen Herzogtums, später war sie Regionalhauptstadt. Unter der Stadt verläuft ein weit-räumiges Tunnelsystem. Duch das Opatów-Tor gelangt man zur Altstadt. Von eleganten Häusern ist der malerische Marktplatz umgeben. In der Mitte steht das Rathaus mit prächtiger Brüstung. Das bedeutendste Gebäude der Stadt ist die Kathedrale, die um 1360 an der Stelle einer früheren romanischen Kathedrale errichtet und später umgebaut wurde. Obwohl es in ca. 1 Stunde schon dunkel wird, entscheide ich mich dafür noch ein Stück weiter zu radeln.

Nach etwa 12 Kilometern frage ich dann in einem Dorf an einem Haus, ob ich hier übernachten kann. Leider versteht man mich nicht richtig und bietet mir einen Platz zum Zelten an. Da ich jedoch kein Zelt dabei habe, scheidet diese Möglichkeit aus. Beim nächsten und übernächsten Haus gibt es eine klare Absage und jetzt heißt es langsam für mich – nur nicht nervös werden. Als ich einen Mann vor seinem Haus frage, kommen wir ins Gespräch und nachdem ich auf sein Verlangen hin, ihm meinen Pass  gezeigt habe, darf ich mit ins Haus kommen. In der Sommerküche der Großmutter kann ich heute Nacht auf einer Couch schlafen. Man stellt mir Tee, Wurst, Brot und Tomaten ins Zimmer. Am nächsten Morgen hat sich das anfängliche Misstrauen etwas gelegt, was sich darin zeigt, dass ich mit der Familie zusammen im Obergeschoss des Hauses frühstücken darf. Als ich meine Fahrtroute und das Ziel Weißrussland erwähne, schüttelt man nur ungläubig den Kopf. Durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Feldern, Wiesen und Wäldern radle ich weiter bis ich gegen 16 Uhr Kazimierz Dolny erreiche. Neben einem Eisladen stelle ich das Rad ab und begebe ich zu Fuß durch den Ort.   Kazimierz Dolny ist eine hübsche Kleinstadt und ein bevorzugter Ferienort von Künstlern und Malern. Gegründet wurde die Stadt vermutlich von Kazimierz dem Großen. Im 16. und 17. Jahrhundert kam sie durch Getreidehandel zu Wohlstand. Die Ruinen einer gotischen Burg mit einem hohen Turm überragen die Stadt. Der schönste Teil der Stadt ist der Marktplatz mit schönen Häusern und reich verzierten Fassaden, teilweise aus dem 16. Jahrhundert.

Da ich gleich zu Beginn meiner Radtour jeweils über 100 Km gefahren bin, spüre ich heute erste Ermüdungserscheinungen. Daher nehme ich mir ein Zimmer in der Stadt. Als ich mich mit dem jungen Mann an der Rezeption über meine Radtour unterhalte sagt er zum Abschluss des Gesprächs: „ You are the best“. Mit diesem Kompliment im Hinterkopf gelingt es mir etwas besser, das an diesem Abend erstmals auf-kommende Gefühl des Alleinseins und der Einsamkeit bei einem Glas Bier mit Blick auf die dahinfließende Weichsel und den darüber liegenden nächtlichen Sternenhimmel auszuhalten.

Weiter ostwärts

Ich frühstücke auf der Terrasse, nachdem ich vorher Brötchen, Kuchen und Joghurt frisch eingekauft habe. Kurz hinter Kazimierz Dolny verlasse ich dann den Lauf der Weichsel und nehme Kurs in Richtung Osten. Die Gegend nennt sich Masowien,  benannt nach dem Volk der Masowier, das hier im Frühmittelalter lebte. Früher gehörte Masowien sowohl in kultureller als auch ökonomischer Sicht zu den rückständigsten Gebieten in Polen. Nachdem sich der Himmel mit jedem zusätzlichen Kilometer mehr und mehr eintrübt, fallen bald die ersten Regentropfen. Nachdem ich diese am Anfang noch standhaft ignoriere, bleibt mir dann aber doch nichts anderes übrig als die Regenhosen und die Regenjacke anzuziehen. Zum Glück ist es nicht kalt, so dass ich sogar mit Sandalen, kurzen Hosen und ohne Strümpfe fahren kann. Das hat den Vorteil, dass lediglich die Jacke und die Radlerhosen nass werden und diese trocknen durch den Wind wieder schnell. Nach 60 Km erreiche ich Lubartow, wo ich starken Hunger verspüre und dank der Hilfe einer englischsprechenden Frau finde ich sogar ein Restaurant. Niemand stört sich hier, als ich das Rad mit ins Restaurant nehme und neben den Tisch stelle. Ob sich diese Gelassenheit mit dem EG-Beitritt Polens wohl allmählich ändern wird?

Das Essen ist allerdings nicht der Hit, aber immerhin warm genug zum Aufwärmen. Nachdem ich mich umgezogen habe und meine Sachen am Rad trocknen (wohlbemerkt im Restaurant) kaufe ich noch auf dem gegenüberliegenden Markt etwas ein und nutze die Zeit für eine längere Pause. Aber irgendwann muss ich doch weiter; es regnet allerdings nur noch wenig. Gegen 18 Uhr erreiche ich Parczew und im nächsten Dorf wird es höchste Zeit nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Es ist schon fast dunkel, als ich ein größeres, freistehendes Haus erreiche und hier darf ich in einem Anbau, wo eingemachtes Gemüse gelagert wird, übernachten. Bei der Oma im Haus nebenan bekomme ich eine Art Milchsuppe, die aber köstlich schmeckt. Anschließend darf ich in dem großen Haus sogar noch warm duschen und nach der Regenfahrt von heute ist das eine besondere Wohltat. Mit Hilfe eines Nachbarsohnes, der gut Englisch sprechen kann, werde ich abends noch zum Tee und einem Smalltalk ins Haus gebeten. Ich zeige meine mitgebrachten Fotos und man ist verwundert über mich „Exoten“, besonders als ich die Frage nach Kindern und Familie mit „nein“ beantworte. Wieder darf oder kann ich das Haus am nächsten Morgen nicht verlassen, bevor ich im Haus gefrühstückt habe. Nach dieser Stärkung nehme ich Kurs auf die polnisch-weißrussische Grenze. Das Wetter ist sonnig und schön, aber der Wind bläst kräftig. Auf endlos langen Straßen geht es jetzt zügig voran. Ich komme heute schneller voran als erwartet und kurz nach 16 Uhr erreiche ich Terespol und die Grenze nach Weißrussland (Belarus).

Grenzübertritt in ein unbekanntes Land

Leider bringt es mir nichts, dass ich die lange Autoschlange überholen kann, denn schon die polnischen Grenzposten machen mir klar, dass ich mit dem Rad nicht über die Grenze nach Belarus einreisen darf. Der Sinn dieser Regelung ist mir alles andere als verständlich. Doch das nützt mir nichts, ich muss einen Autofahrer finden, der mein Rad in sein Auto lädt und mich mitnimmt. Einfacher gedacht, als getan! Denn die meisten Autos sind entweder voll beladen oder die Fahrer verstehen mich nicht bzw. wollen natürlich möglichen Schwierigkeiten mit mir und meinem Rad aus dem Weg gehen. Nach über einer Stunde des Suchens und Fragens kann ich mein Rad in ein Auto laden, das ein Weißrusse in Polen gekauft hat. Zum Glück spricht er etwas Deutsch. Wir müssen noch über drei Stunden stehen und warten. Warum weiß kein Mensch. Dann endlich gehen die Formalitäten los. Papier hin, Stempel her und das gleich mehrfach. Später muss ich dann noch bei einer weißrussischen Ver sicherungsgesellschaft an einem Schalter eine Krankenversicherung abschließen, obwohl ich eine Auslandsreise-Krankenversicherung nachweisen kann, aber das interessiert hier niemanden.

So ist es bereits 23 Uhr und dunkel, als mich Jura, der weißrussische Fahrer im Zentrum von Brest vor einem großen Hotel absetzt. Ich habe keine Lust mir jetzt in der Nacht noch nach einer alternativen Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, zumal ich feststelle, dass kaum jemand Englisch versteht oder spricht. Selbst an der Rezeption des Hotels gestaltet sich das „Einchecken“ schwierig und vor allem umständlich. Aber das sollte nicht das letzte Mal sein in den nächsten Tagen. Das Fahrrad passt gerade noch in den Fahrstuhl hinein, da ich hoch zum 6. Stock fahren muss. Das Rad steht wie selbstverständlich dann in meinem Zimmer – Erinnerungen an die Ukraine-Tour vor zehn Jahren werden wieder wach. Dieser Tag hat Nerven gekostet und ich hätte wohl doch besser mit dem Zug über die Grenze fahren sollen. Aber es ist geschehen und ich bin gespannt, was nun auf mich zukommen wird.

Nun bin ich also in Weißrussland, das im Nordwesten an Litauen und Lettland, im Osten an Russland, im Süden an die Ukraine und im Westen an Polen grenzt. Hauptstadt und größte Stadt ist Minsk. Drei Viertel der Gesamtbevölkerung von etwa 10,3 Millionen Einwohnern sind Weißrussen. Flächenmäßig ist Weißrussland oder auch Belarus etwas kleiner als die Fläche Großbritanniens bzw. Rumäniens. Weißrussland liegt im Bereich des Osteuropäischen Tieflandes; nur wenige Erhebungen erreichen Höhen von mehr als 300 Metern. Das Relief des Landes wird maßgeblich durch eiszeitliche Ablagerungen geprägt. Sanftwellige Hügelketten wechseln mit Niederungen, die häufig vermoort sind. Es gibt zahlreiche Flüsse und Seen.

Das Frühstück im Hotel „Belarus“ ist aus Radfahrer-Sicht ein Witz und nicht der Rede wert, so dass ich gleich darauf noch einmal – aber richtig – auf meinem Zimmer frühstücke. Jetzt muss ich auf der Bank Geld wechseln, denn ich habe noch keinen einzigen Rubel in der Tasche. Und schon vor der Bank heißt es auch für mich: Schlange stehen und warten! Ja, ich muss mich jetzt an einen neuen Rhythmus gewöhnen. Nichts geht mehr „schnell“ und Warten ist der ganz normale Alltag hier. Es ist gar nicht einfach jemanden zu finden, der Englisch oder Deutsch spricht. Denn Amtssprache ist das Weißrussische, das zum östlichen Zweig der slawischen Sprachen gehört und eng mit dem Russischen verwandt ist. Wegen der Jahrzehnte andauernden Zugehörigkeit zur Sowjetunion sprechen insgesamt ca. 83 Prozent der Bevölkerung auch Russisch. Viele Menschen reagieren gar nicht auf meine Fragen oder sind abweisend, da sie keine Fremdsprache sprechen oder ? Mit diesen Reaktionen habe ich nicht gerechnet und so dauert es eine ganze Weile, bis ich lerne damit umzugehen. Ich frage mich nur, wenn das schon in Brest – einer Stadt mit 300 000 Einwohnern – so ist, wie soll das erst auf dem Land, in den Dörfern werden? Ich versuche, diesen Gedanken zu verdrängen und schaue mich zunächst in der Stadt selbst etwas um. Um später in Weißrussland überhaupt Rad zu fahren, benötige ich natürlich eine Straßenkarte. Und so unglaublich es klingt, aber die Suche nach einer derartigen Karte gestaltet sich mehr als schwierig. Kurz vor dem Verzweifeln finde ich zu meinem Glück eine Schülerin, die mehr als drei Worte Englisch sprechen kann, ja mit der ich mich sogar längere Zeit unterhalten kann. Sie zeigt mir einen Kiosk (!), wo ich die Karte erwerben kann. Ich atme erleichtert auf und sie hilft mir auch noch in den richtigen Bus einzusteigen, der zur Brester Festung fährt.

Brest und erste weißrussische Begegnungen

Brest ist eine geschäftige Grenzstadt und die Festung von Brest stellt die Haupt- sehenswürdigkeit der Stadt dar. Zwischen 1838 und 1842 wurde die Festung errichtet und 1941 im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen weitgehend zerstört. Die Überreste wurden in eine grandiose Gedenkstätte verwandelt. Im Westen der Festung stehen die Reste der Nikolaivsky Kirche, der ältesten in der Stadt. Trauermusik und Gewehrfeuer aus Lautsprechern vermitteln eine seltsame Atmosphäre. Dazu eine Soldatenwache mit „Kindersoldaten“. Hat sich hier eigentlich seit Ende der Sowjetzeit etwas verändert frage ich mich und kenne die Antwort schon im voraus.

Nach der Rückfahrt mit dem Bus ins Stadtzentrum, entdecke ich den riesigen Markt, den ich mir in Ruhe anschaue. Die Frage nach einer Internet-Mail-Möglichkeit gebe ich nach einer Vielzahl vergeblicher Versuche schließlich auf. Mit müden Füßen erreiche ich nach einem längeren Fußmarsch das Hotel.
Am nächsten Morgen packe ich das Rad vor dem Hotel und ich spüre die Blicke der Passanten, aber niemand lässt sich etwas anmerken. Den Weg aus Brest heraus in Richtung Kamenec zu finden ist eine erste große Herausforderung, die ich nach ca. einer Stunde des Fragens/Antwortens sowie des Ausprobierens von Versuch und Irrtum meistere. Die Landstraße ist erstaunlich gut vom Straßenbelag her und der Autoverkehr kaum nennenswert. Die Strecke ist überwiegend flach und gerade – soweit das Auge reicht. Bald beginnt das Gefühl von Offenheit und Weite wieder ein Teil von mir selbst zu werden. Übrigens sind 45 Prozent der Fläche Weißrusslands bewaldet und in den Wäldern leben noch viele größere Raubtiere wie Bären, Wölfe oder Luchse. Das im Freiland ausgestorbene Wisent wurde wieder eingebürgert. Nach 85 Km Fahrt und dem dazwischenliegenden Studium der Straßenschilder (in kyrillischer Schrift) mit Hilfe meines Wörterbuches erreiche ich die Stadt Pruzany. Ich fahre bewusst zum Ortsausgang und suche ein Anwesen, an dem ich wegen einer Übernachtung fragen kann. Gerade in dem Moment, als ich auf ein Haus zugehe, kommt mir ein junger Mann entgegen. Als ich ihn anspreche, antwortet er mir zu meiner Überraschung auf Deutsch und auch das Wort „Schnaps“ fällt. Ich bemerke leichten Alkoholgeruch, aber ehe ich mich versehe geht er mit mir zum Haus nebenan. „Komm mit“ sagt er und so lasse ich das Rad vor dem Haus stehen und gehe mit ins Haus. Im Haus befinden sich mehrere Mietwohnungen und wie kann es anders sein – im obersten Stock befindet sich die Wohnung, wo mich der junge Mann seinem Vater vorstellt. Im ersten Moment befürchte ich ein Alkoholgelage am Abend, wenn ich hier bleibe. Aber jetzt kann ich auch nicht mehr zurück. Als wäre es selbstverständlich, darf ich hier übernachten. Nachdem er das Gepäck und ich das Rad in die Wohnung gebracht haben, bitte ich darum, mich etwas waschen zu dürfen. Ich solle etwas warten und während ich warte und mich mit dem jungen Mann soweit wie möglich unterhalte, bemerke ich, dass der Vater im Bad aktiv ist. Anschließend führt man mich ins Bad und zu meiner Überraschung hat er in der Badewanne Wasser einlaufen lassen! Es ist heiß, aber ich geniesse es.

Später gibt es ein gemeinsames Abendessen – gefüllte Teigröllchen mit Fleisch, Fisch und Kartoffeln. Sehr gut. Ein Glas Wodka darf dazu natürlich nicht fehlen, aber viel mehr beeindruckt mich die Tatsache, dass der Sohn freiwillig darauf verzichtet, da er schon „Schnaps“ getrunken habe. Somit erweisen sich meine Befürchtungen, die ich am Anfang hatte, als unbegründet. Beim Essen und dem anschließenden Gespräch erfahre ich auch, dass die Mutter vor zwei Jahren gestorben ist und die beiden (Vater und Sohn) jetzt zusammen hier wohnen. Der 18-jährige Sohn lebt – sofern man das Leben nennen kann – von gelegentlichen Arbeiten aller Art. Der Vater ist frühpensioniert, aber da die Rente nicht ausreicht, arbeitet er noch zusätzlich als Sportlehrer. So langsam wird mir klar, dass hier in Weißrussland ganz andere – sprich viel, viel ärmere Verhältnisse als in Polen oder Deutschland anzutreffen sind. Besonders deutlich wird mir das am nächsten Morgen, als wir in der Küche zusammen frühstücken. Es gibt Tee und einen Apfel. Mehr nicht. Woher soll auch das Geld für Essen usw. herkommen, wenn man keine Arbeit hat und Unterstützung durch den Staat gibt es schon gar nicht. Die Arbeitslosigkeit im Land ist sehr hoch, offizielle Zahlen stimmen mit der Wirklichkeit nicht überein. Auch leidet das Land – vor allem im Süden – noch immer unter dem radioaktiven Niederschlag als Folge des Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986.

Dieser Aufenthalt gibt mir sehr zu denken und so fahre ich in Gedanken versunken weiter in Richtung Bereza. Es geht flott voran bis zu einer Baustelle …
Dann hört der Asphalt schlagartig auf und eine staubige Schotterpiste, die wegen unzähliger Bodenwellen kaum zu befahren ist, zieht sich nun einige Kilometer entlang. Als der Asphalt wieder beginnt, brauche ich erst einmal eine Pause unter einem Baum. Ich esse ein paar Kekse und muss an unser Frühstück heute Morgen denken.

Am frühen Abend erreiche ich die Ortschaft Ivacevici, aber es ist noch zu früh für eine Übernachtung. Ein Blick auf die Karte sagt mir, dass nur noch zwei „größere“ Dörfer auf den nächsten 25 Km kommen und weiter schaffe ich es heute Abend sowieso nicht mehr. Ich „riskiere“ es und fahre weiter. Und es kommt, wie es kommen musste: die Strecke zieht sich in die Länge, nichts als Wald und Felder. Im nächsten Dorf gelingt es mir nicht die älteren Leute von meiner „Harmlosigkeit und Ehrlichkeit“ zu überzeugen und so muss ich weiterfahren. Inzwischen ist es dunkel geworden …

Am Ortseingang von Milovidy stehen einige neuere Häuser und gerade als ich vor einem Haus anhalte, kommt ein Auto vorbei und zwei Männer der Miliz steigen aus. „Auch das noch“ denke ich mir. Sie fragen wohl, was ich hier will, denn wirklich verstehen kann ich sie nicht. Mit meinen Händen zeige ich ihnen, dass ich irgendwo schlafen möchte und sie schicken mich auf die Hauptstraße zurück. Wohin genau weiß der Teufel. Aber ich bin auch froh, von hier weg zu kommen. Schließlich weiß ich, dass die innenpolitischen Verhältnisse im Land unter Präsident Lukaschenko durch drastische Einschränkungen der Pressefreiheit, des Versammlungs- und Kundgebungsrechts und der Menschenrechte geprägt sind. Daher halte ich mich von Polizei und Miliz möglichst fern. Da es schon dunkel ist, kann ich nun hinsichtlich des Übernachtungsplatzes nicht wählerisch sein, wenn ich überhaupt noch etwas finde. Endlich sehe ich im Hof eines Anwesens ein paar Leute und hier schiebe ich mein Rad in den Hof und frage bzw. zeige auf meinen Zettel mit den deutsch-russischen Fragesätzen. Ich habe Glück und man nimmt mich auf. Schon auf den ersten Blick sehe ich an den Leuten und dem Haus, dass hier niemand mit Reichtümern gesegnet ist. Trotz einfachster Verhältnisse, bekomme ich eine Couch für mich im Wohnzimmer. Das Rad steht, als wäre es völlig normal, direkt daneben. Auch wenn Bad und Toilette wenig einladend aussehen kann ich mich zumindest abwaschen und umziehen. Die Großmutter im Haus unterhält sich andauernd mit mir. Sie begreift kaum, dass ich sie nicht verstehe. Und allen Verhältnissen und Widrigkeiten zum Trotz gibt man mir eine Tasse warmer Milch und Kartoffelbrei. Mehr hat man hier selbst nicht. Und selbst dieses wenige wird noch geteilt.

Schade, dass nur ich diese Erfahrung machen kann. Es gäbe – nicht nur in Deutschland – gewiss noch viele Menschen, die eine solche Erfahrung einmal dringend nötig hätten. Bevor ich zu Bett gehe zeige ich noch meine mitgebrachten Fotos und sehr interessiert verfolgen Jung und Alt die Bilder und meine Erklärungsversuche auf Russisch.

„Money“

Nachdem ich gestern mehr oder weniger zwangsläufig 113 Km gefahren bin, spüre ich meine Beine, als ich morgens losfahre. Die Orientierung gestaltet sich heute wieder etwas schwierig. Erst werde ich in diese Richtung, dann in die andere und schließlich in die richtige Richtung geschickt. Eine Schotterpiste übelster Art setzt dem Ganzen noch die Krone auf. In Kleck finde ich sogar ein Restaurant. Als ich eintrete sind ca. fünfzig Blicke plötzlich auf mich gerichtet. Ein orthodoxer Priester sagt nur: „It is closed“. Also muss ich wieder gehen. Unmittelbar nebenan befindet sich eine Art Kantine mit Selbstbedienung. Ich stelle mich einfach an und zeige mit den Fingern auf die Teller der anderen. Trotzdem fällt es der Kassiererin nicht leicht, das zu verstehen. Aber dann gelingt es doch und ich bin natürlich sehr froh darüber.

Es ist mir schon fast peinlich, als ich mehrmals einen „Nachschlag“ hole, aber das Radfahren fordert seinen Tribut.  Nach einer Rastpause erreiche ich schließlich die Stadt Nesvish. Nesvish ist eine der ältesten Städte in Weißrussland. Bereits im 13. Jahrhundert gegründet erreichte die Stadt ihren Zenit Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Handel aufblühte. Das Rathaus, eines der ältesten im Land, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die Stadt selbst liegt schön an einem See, an dessen Ufer sich auch ein Schloß befindet. In einem Supermarkt kaufe ich etwas ein und die Kassiererinnen lachen sich halbtot über mein Aussehen mit Radlerhose und buntem Trikot. Was wird das wohl für ein Paradiesvogel sein, denken sie bestimmt. Nach mehreren Versuchen gelingt es mir endlich ein Mädchen zu finden, das etwas Englisch spricht. Ira begleitet mich schließlich zu einem Hotel. Dort ist aber angeblich alles belegt, obwohl ich aufgrund der äußeren Umstände meine Zweifel an dieser Aussage habe.

Dann fragen wir bei zwei Hausanwesen nach – ohne Erfolg. Gegenüber dem einen Haus steht eine riesige Villa – überhaupt nicht in die Umgebung passend. Eine Frau arbeitet gerade dort im Garten und dank der Hilfe von Ira kann ich zu meiner eigenen Überraschung dort für eine Nacht bleiben. Ich bekomme ein eigenes Zimmer mit Bett und kann duschen. Parkettboden im Haus, alles sauber und gepflegt. Hier müssen reiche Leute wohnen, denke ich für mich. Am Abend kommt Ira noch einmal ins Haus mit einer Freundin, die gut Englisch spricht. Und so bekomme ich bei einem Spaziergang noch einige Informationen über Weißrussland und das dortige System. So liegt die Inflationsrate bei rund 200 Prozent und die vorhandenen Fabriken oder Einrichtungen sind marode und stark erneuerungsbedürftig. Selbst die jungen Menschen haben hier kaum Zukunftschancen. Das ist schon sehr bedrückend. Ich werde noch zwei Mal fotografiert und darf mich anschließend noch im Poesiealbum verewigen. Nachdem sich die beiden Mädchen verabschiedet haben, gehe ich ins Haus zurück. Dort ist gerade der Mann – ein Geschäftsmann – gekommen. Da er noch Besuch von anderen Geschäftsleuten hat, verabschiede ich mich und gehe schlafen.

Am nächsten Morgen bekomme ich noch ein Frühstück und als ich das Rad packe und mich fertig zur Abfahrt mache, sagt die Frau – die während der ganzen Zeit nicht ein Wort Englisch sprechen konnte – nur ein Wort: „Money“. Ich gebe ihr das Geld, das sie fordert. Ein lächerlich kleiner Betrag für meine Verhältnisse, aber es geht nicht um die Höhe des Betrages. Wenn sie gestern Abend gesagt hätte, es kostet x Rubel, hätte ich auch zugesagt. Aber jetzt etwas zu verlangen hinterlässt einen faden Beigeschmack bei mir. Denn es bestätigt leider das wieder, was ich zu Hause und immer wieder unterwegs erfahren habe:
Wer reich ist und viel hat, der will immer noch mehr. Eine Nacht vorher habe ich bei wirklich armen Leuten übernachtet und niemand wollte etwas dafür. Selbst wenn ich etwas gegeben hätte, hätten sie es nicht genommen (das weiß ich aus vielen ähnlichen Erlebnissen). Nach dieser Überraschung am Morgen denke ich noch viel über all diese Dinge auf meiner Weiterfahrt nach. Dann erreiche ich das Schloß von Mir. Ein schöner Bau  an einem See, der gerade restauriert wird.

Nach einer Pause im Ortszentrum von Mir fahre ich weiter bis Novogrudok. Nachdem schon wieder ein Hotel, das ich nach langer Suche gefunden habe, belegt ist gibt es zum Glück noch ein weiteres, wo ich bleiben kann. Aber bis alle Formalitäten erledigt sind, dauert es fast eine Stunde. Abends spaziere ich noch durch den Ort, wo mir einige Männer und Frauen begegnen, die nur noch unter größter Mühe laufen können…

Bevor ich Novogrudok wieder verlasse, tausche ich noch auf der Bank Geld um. Danach besichtige ich die Ruinen der Burg. Obwohl die weitere Strecke schön und auch gut zu befahren ist, bin ich heute etwas lustlos.

Ein katholischer Priester und ein Feuerwehrkommandant

Gegen 19.30 Uhr erreiche ich den Ort Vaverka mit einer großen Kirche als Ortsmittelpunkt. Nach anfänglicher Ablehnung bei zwei Häusern komme ich zum Feuerwehrhaus, wo einige Arbeiter Steine wegtransportieren. In militärähnlicher Uniform kommt der Feuerwehrkommandant auf mich zu und ich erkläre mit Händen und Füssen, was ich will. Dann geht er mit mir zu einem großen Haus neben der Kirche und klingelt dort. Ein katholischer Priester öffnet die Tür und nach längerem Verhandeln und Kontrolle meines Passes geht er mit mir zu einem naheliegenden Anwesen. Er spricht etwas Deutsch und in diesem Haus kann ich in einem Zimmer ohne Möbel mein Nachtlager aufschlagen. Die Dusche hat zwar nur kaltes Wasser – aber da muss ich jetzt leider durch. Später lädt mich der Feuerwehrkommandant zu einem Bier ein, das wir an einem nahegelegenen See trinken. Ein schöner Sonnenuntergang passt wunderbar dazu. Am Abend werde ich dann noch zu seinem Freund ins Haus eingeladen, wo es ein einfaches, aber sehr reichhaltiges Abendessen mit Fisch und Kartoffeln, Tomaten, Wurst und Brot gibt. Von den Kindern und der Frau im Haus werde ich bestaunt, als käme ich aus einer anderen Welt oder von einem anderen Planeten. Auf dem Tisch steht schon die Wokda- flasche bereit und so bleibt mir heute nichts anderes übrig als mitzutrinken. Mit dem dritten Glas, das ich genauso schnell leere wie das erste, bin ich offenbar endgültig in ihren Kreis aufgenommen. Zum Glück ist es vom Haus bis zu „meinem Anwesen“ nicht weit. Außerdem begleitet mich der Feuerwehrkommandant bis an die Tür und verabschiedet mich mit militärischem Gruss …

Der Wodka war anscheinend von guter Qualität, denn am nächsten Morgen habe ich kein Kopfweh oder sonstige Beschwerden. Ich gebe dem Priester den Hausschlüssel zurück und frage was ich ihm schuldig bin. „Nichts“ sagt er und mit Gottes Segen verlasse ich den Ort in Richtung Grodno (Hrodno).
Unterwegs lädt ein lokaler Markt zu einer Pause ein. Eine alte Marktfrau schenkt mir zwei Äpfel …
Anschließend verfahre ich mich und dann kommt auch noch eine längere Schotterpiste. Es dauert und dauert bis wieder eine Asphaltdecke kommt, etwa 48 Km vor Grodno. Das heißt, jetzt muss ich ganz schön Gas geben, um vor Einbruch der Dunkelheit in der Stadt zu sein. Schon gestern Abend hatte ich beschlossen Belarus nach Grodno zu verlassen und nach Polen weiter zu fahren.

Grodno und erneuter Grenzübertritt

Wahrscheinlich ist Grodno die schönste, da am besten erhalten gebliebene Stadt Weißrusslands. Viele, wenn auch teilweise verfallene historische Gebäude zeugen davon. Grodno wurde im 14. Jahrhundert von Litauen beansprucht und später von Polen. Heute ist die Stadt ein industrielles und kulturelles Zentrum mit einer kosmopolitischen Atmosphäre. Eine lange Fußgängerzone wird von vielen Geschäften und Läden gesäumt. Viele Kirchen, ob katholisch oder russisch-orthodox bilden markante Blickpunkte in der Stadt. Die überwiegende Mehrheit der Weißrussen gehört der russisch-orthodoxen Kirche an.

Die Außenbezirke der Stadt sind nicht gerade einladend. In Grodno hatte ich über das Internet schon in Deutschland eine Zusage bekommen, ein oder zwei Nächte bei einer Studentin und ihrer Mutter bleiben zu können. Das einzige Problem liegt jetzt darin, diese Adresse in der Stadt ausfindig zu machen. Leichter gesagt als getan! Nach Durchquerung der schönen Innenstadt finde ich einen Mann, der mir schließlich den Weg aufzeichnet. Nach weiterem Befragen diverser Menschen stehe ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit vor dem Wohnblock mit der Nummer 51-42. Ich gehe hoch (4. Stock), klingle und habe Glück. Aryna, die Studentin ist zu Hause. Sie hilft mir das Gepäck hoch zu tragen, während ich wieder einmal das Fahrrad hochschleppe. Ihre Mutter ist nicht zu Hause, so habe ich ein Zimmer für mich allein.

Sie wirkt sehr verschlossen und bedrückt auf mich. Warum sollte ich am nächsten Tag noch erfahren.
Die Sonne scheint und es ist warm, als wir am nächsten Morgen mit dem Minibus in das Stadtzentrum fahren. Es sind gerade Jubiläumsfeierlichkeiten in der Stadt und so ist überall etwas los. Ein Doppeldecker lässt Fallschirmspringer abspringen und das alles wohlbeobachtet unter den Augen von Miliz, Militär und Polizei. Ein eigenartiges Gefühl umgibt mich. Am Lenin-Platz, wo ein Denkmal von Lenin alles überragt werden Tänze aufgeführt und Musikkapellen spielen auf. Belarus hat eine lange Musiktradition und viele orthodoxe Hymnen und Predigten haben ihren Ursprung in Weißrussland. Die weißrussische Volksmusik ist bekannt und hier auf dem Platz habe ich Gelegenheit diese Musik in traditioneller Tracht vorgetragen, zu hören.

Aryna geht mit mir zum Bahnhof und wir kaufen die Fahrkarte für den Zug nach Kuznica in Polen, den ich morgen nehmen möchte. Im Laufe des Tages erfahre ich von Aryna auch, weshalb sie so bedrückt ist. Sie ist mit ihrem Studium fertig und obwohl sie auch in Moskau studiert hat, findet sie keine Arbeitsstelle. Aus diesem Grund sind ihre meisten Studienkollegen und Freunde ins Ausland gegangen. Sie hat also hier keine Arbeit, kein Geld und keine Freunde. So wundert es mich nicht mehr, dass sie resigniert.

Schon gestern hatte ich leichte Magenprobleme, heute kommt auch noch Durchfall dazu. Das kann ja „heiter“ werden, denke ich. Zum Glück fühle ich mich am nächsten Tag etwas besser und gegen den Durchfall decke ich mich unterwegs mit Bananen, Gebäck, Salzstangen und Schokolade ein. Aber zunächst heisst es Pass- und Zollkontrolle am Bahnhof in Grodno und warten, warten, warten …

Erst als alle Personen durch die Kontrolle durch sind, wird der verschlossene Warteraum geöffnet und die Leute können zum wartenden Zug laufen. Hinter der Lokomotive ist ein Gepäckwagen, so gehe ich mit meinem Rad gleich dort hinein – doch so schnell ich hineingehe, so schnell bin ich auch wieder draussen. „Nijet“ faucht mich ein junger Soldat an. So muss ich das Rad in den Gang stellen, obwohl der Wagen während der Fahrt leer bleibt. Aber was nicht sein soll, das darf eben nicht sein. Während der Fahrt kommen mehrere Männer und schrauben die Lampenschirme oder andere Teile der Verkleidung im Zug ab und verstecken Zigaretten …

Bei der Passkontrolle in Polen werde ich als letzter abgefertigt. Reisende mit dem Fahrrad kommen hier anscheinend recht selten her.

Dann kann ich endlich losfahren.  Ich merke gleich, dass ich durch die Magen- und Darmprobleme ziemlich schwach in den Beinen bin. Trotzdem läuft es ganz gut und nach 66 Km Fahrt erreiche ich Bialystok, die größte Stadt im Nordosten Polens. Ihre Bevölkerung ist teils polnisch, teils weißrussisch, was man auch schon am Stadtbild erkennen kann: die Kuppeln der orthodoxen Kirche erheben sich neben den Türmen der katholischen Kirche. In Bialystok löse ich eine Fahrkarte nach Warschau. Über weitere Zugverbindungen in Richtung Deutschland gibt es am Bahnhof recht widersprüchliche Angaben.

Nachdem ich mich umgezogen habe, steht auch schon der Zug nach Warschau bereit. Einen Gepäckwagen gibt es nicht und so steige ich in den ersten Wagen hinter der Lokomotive ein. Das Rad kann ich so hinstellen, dass es niemanden stört. Außer einer Person: den Schaffner! So muss ich diesen Platz wieder verlassen und er schickt mich – wenige Minuten vor der Abfahrt – bis zum letzten Wagen. Als ich dort einsteige ist dort auch nicht mehr Platz. Im Gegenteil: es steht bereits ein Fahrrad dort. Aber ich habe keine Zeit mehr und so stelle ich mein Rad dazu. Jetzt habe ich noch das Vergnügen durch den ganzen Zug zu laufen und mein Gepäck vom ersten Wagen in den letzten zu schleppen…

Nach diesem völlig unnötigen Stress mache ich erst einmal ein kleines Nickerchen. Gegen Ende der Fahrt komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie unterrichtet Englisch an einer Grundschule. „Na prima“ denke ich und so kann ich sie fragen, ob sie mir am Warschauer Hauptbahnhof vielleicht mit der Weiterfahrt nach Deutschland behilflich sein kann. Und so geht sie mit mir tatsächlich an den richtigen Schalter im Bahnhof, wo ich eine Fahrkarte für einen Zug nach Dresden kaufen kann. Leider reichen meine Zlotys nicht mehr und so bezahlt sie den Rest in Zlotys und ich gebe ihr das Geld in Euro.

Inzwischen habe ich auch wieder etwas Hunger bekommen und beim Essen unterhalten wir uns noch eine Weile. Während ich froh bin, dass mir jemand so schnell weiterhelfen konnte, ist sie froh ihr Englisch praktizieren zu können. Dann verabschieden wir uns und der anfahrende Zug nach Dresden hat natürlich kein separates Fahrradabteil. So muss ich das Rad in den Gang stellen – direkt vor eine Toilette. Jetzt wird mir auch klar, warum die Dame am Verkaufsschalter kein Ticket für das Rad ausstellen konnte …

Die Rückfahrt

„Das wird wohl wieder Ärger mit dem Schaffner geben“ denke ich. Aber später kommt dieser und sagt keinen Ton. Später kommt noch ein anderer Schaffner und ich löse ohne Probleme bei ihm ein Ticket für das Rad. Die Fahrt geht die Nacht durch und im Abteil befindet sich bald nur noch eine ältere Polin, so dass wir beide genügend Platz zum Ausstrecken haben. Als wir am frühen Morgen an der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz ankommen höre ich eine laute Stimme: „Wem gehört dieses Fahrrad?“ Und schon ist mir klar, dass jetzt wieder Stress angesagt ist. „Mir“ antworte ich. „Das Fahrrad muss raus“ sagt der Bundesbahnbedienstete. Nachdem es zehn Stunden ohne Probleme standfest durch Polen gereist war, soll das die nächsten zwei Stunden bis Dresden nicht mehr möglich sein, da der DB-Bedienstete dafür „keine Verantwortung übernehmen kann“.

„Herzlich willkommen zurück in Deutschland“ sage ich voller Ironie zu mir selbst, als ich den Zug verlassen muss und unmittelbar danach von drei grimmig daher-blickenden Beamten des Bundesgrenzschutzes zur Passkontrolle zitiert werde. Leider finden sie keinen Anhaltspunkt, mir die Weiterfahrt noch zusätzlich zu erschweren und so kann ich noch von Glück sagen, dass etwa eine halbe Stunde später ein Regionalzug nach Dresden fährt. Von Dresden aus geht es dann mit einigem Umsteigen über Halle, Frankfurt und Mainz nach Speyer zurück.

Hans Jürgen Stang

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