Radtour Allemagne – France

(13. – 26. Oktober 2010)

Von dem Platz aus, an dem ich fast 24 Jahre meines Lebens verbracht habe (Elternhaus in Böhl-Iggelheim), beginne ich meine Reise. Die ersten Kilometer des Weges sind mir so vertraut, als hätte ich nie woanders gelebt. Nach anfänglichem Frühnebel kommt bald die Sonne hervor und das verleiht mir scheinbar Flügel. Als ich die deutsch-französische Grenze bei Lauterburg passiere, wird es Zeit für eine erste Rastpause. Kaum habe ich noch ein Foto des blumengeschmückten Rathauses gemacht, fällt mir das Rad samt Gepäck auf den Boden, da ich es offenbar nicht richtig ausbalanciert habe beim Hinstellen. Der Ständer verbiegt sich dabei leicht, aber dank guter Qualität dieses Teiles ist es nichts Gravierendes. Nach diesem Ereignis wird mir bewusst, dass ich schon lange nicht mehr mit Gepäck auf Radreise war, sonst wäre mir das nämlich nicht passiert.

Lange halte ich mich in Lauterburg nicht auf, zum einen ist es trotz Sonne doch recht kühl und zweitens liegt noch mehr als die Hälfte der für heute geplanten Strecke vor mir. Ohne weitere Pause fahre ich jetzt entlang der „Veloroute Rhin“. Einige Kilometer vor Straßburg verlasse ich diesen Radfernweg und über Landstraßen, teilweise auch mit Radspuren, gelange ich erst bei Einbruch der Dunkelheit nach Schiltigheim/Straßburg. Die Adresse meines ersten Schlafplatzes ist alles andere als einfach zu finden. Niemand der befragten Passanten scheint die Straße zu kennen, andere wiederum fühlen sich gestört bei meiner Frage. Nicht gerade ein freundlicher Empfang denke ich für mich, gebe aber nicht auf und schließlich führt mich eine Frau, die in der Stadt mit dem Rad unterwegs ist, zu der gesuchten Straße. Nun, bei dem Radler, bei dem ich heute übernachten kann, fühle ich mich schnell willkommen und die lange Fahrt und das Suchen sind schnell vergessen.

Nach einem typisch französischen Frühstück fahre ich los, mein rechtes Knie schmerzt etwas. Anscheinend war die gestrige Etappe doch etwas zu weit gewählt (120 km). Mein „Dachgeber“ fährt mit mir durch die Stadt und zeigt mir den Beginn meines eigentlichen Weges aus der Stadt heraus. Dieser führt am Rhein-Rhone-Kanal entlang. Es ist trüb heute Morgen und dichter Nebel liegt über dem Kanal und den Baumreihen entlang des Kanals. Eine fast unheimliche Stimmung umgibt mich und die feuchte Kälte zieht in jede Ritze meiner Kleidung…brrrr. Schon bald muss ich mich daher umziehen – bei kalten Händen gar nicht so einfach!

Durch schöne Dörfer geht es weiter bis Marckolsheim, wo ich meine Mittagspause einlege. Mittlerweile scheint sogar die Sonne und ich nutze jeden Sonnenstrahl zum Aufwärmen. Die Strecke bis Neuf-Brisach zieht sich endlos und mein Knie macht sich immer öfter bemerkbar. Nachdem ich mich dank vieler Umleitungsschilder auch noch verfahre, wird es wieder fast dunkel bis ich das heutige Ziel meiner Reise, den Ort Hirtzfelden erreiche. Da der Hausherr abends seine Frau in Mühlhausen vom Bahnhof abholen muss, bin ich allein im Haus – ich kann den Computer benutzen und bekomme auch noch eine leckere Kürbissuppe und Nudeln serviert. Später kommt seine Frau und wir unterhalten uns noch eine Weile, bevor mir vor Müdigkeit die Augen zufallen.

Am nächsten Tag wechsle ich bald von der französischen auf die deutsche Seite bei Neuenburg. Bis kurz vor Basel geht es jetzt immer parallel am Rhein entlang. Nur zwei lokale Radler begegnen mir auf diesem Weg, sonst ziehe ich allein, oft in Gedanken versunken, meine Bahn. Eine erneute Umleitung führt mich über Idstein – dort steht ein beeindruckend mächtiger Felsen, der Idsteiner Klotz. Die Einfahrt nach Weil am Rhein kann man getrost vergessen –Industriegebiete und dichter Verkehr. Bei Huningue wechsle ich wieder auf die französische Seite und von hier führt ein Weg direkt bis Basel. Ein einheimischer Mann, der mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit ist, zeigt mir im Eiltempo den Weg zu der Straße, die ich heute suche. Nur vergisst er bei seiner Fahrt, dass mein Fahrrad voll beladen ist und ich nur mit größter Mühe mithalten kann. Irgendwie gelingt es mir anschließend nach weiterem Suchen und Fragen doch zur heutigen Adresse zu gelangen. Meine Gastgeberin, eine Frau aus Neuseeland, empfängt mich mit einem Abendessen, bevor sie zu ihrem Rudertraining wieder weg geht. Ich kann allein in der Wohnung bleiben und so habe ich Zeit meine Taschen zu ordnen und mich etwas auszuruhen.

Der nächste Tag beginnt beim Start mit Regen – also mit einem ersten Angriff auf meine Moral. Nachdem das Knie sich wieder beruhigt hat, jetzt also was Neues denke ich mir, aber da muss ich durch. Ich habe die Jura-Route Nr. 7 gewählt, die dank Schweizer Gründlichkeit auch hervorragend ausgeschildert ist. Der Regen dauert zwar an, aber zum Glück ist er nur als leicht zu bezeichnen. Kaum 10 Kilometer von Basel entfernt bin ich schon mitten auf dem Land, umrahmt von Bergen und Weiden mit Kühen. Ein tolles Panorama – dafür steigt es nun beständig an. Bei Kleinlützel geht mir fast die Puste aus, also schnell was essen, um wieder Kraft und Energie zu bekommen. Eine überdachte Bushaltestelle aus Holz ist jetzt der reinste Luxus für mich! Schöne, kleine und schnuckelige Dörfer begleiten mich auf dem Weg bis Delémont.

Schön von Bergen eingerahmt liegt diese Stadt mir zu Füssen und nach einem kurzen Stadtrundgang finde ich diesmal recht schnell meinen heutigen Übernachtungsplatz. Ein junges Paar begrüßt mich, er selbst ist erst vor zwei Tagen von einer Radreise aus Albanien zurückgekommen. Nach einer warmen Dusche fühle ich mich gleich wohler und mit meinen nassen Sachen belege ich das Badezimmer fast allein…

Lange unterhalten wir uns noch bei einem Glas Wein und leckerem Essen an diesem Abend.

Ich starte am Morgen bei Nebel, der dann später von Regen abgelöst wird. Dann geht es gleich kräftig zur Sache – eine Steigung mit 14 % zwingt mich zum Schieben des Rades und danach geht es auch noch 4 Kilometer bergauf. Da muss ich schon alle meine Kräfte zusammen nehmen. Auf der Hochebene schneit es dann sogar. Der einzige trockene Platz ist wieder ein Buswartehäuschen, aus bestem Holz gefertigt. Lange kann ich mich hier trotzdem nicht aufhalten, denn ohne Bewegung fange ich bald an zu frieren. Auf asphaltierten Feldwegen gelange ich fast bis in die Stadt La Chaux-de-Fonds. Dichter Nebel und einbrechende Dunkelheit erschweren jetzt meine Suche nach dem heutigen Übernachtungsquartier. Und wie so oft stellt sich dann heraus, dass das Quartier hoch oben am äußersten Ende der Stadt liegt. Schließlich finde ich Jean-Pierre und eine japanische Matte im Keller des Hauses ist heute Nacht mein Schlafplatz. Ohne Heizung ist es recht frisch hier, aber Essen und Unterhaltung findet im Dachgeschoß neben einem Kaminofen statt. Auch dieser Dachgeber ist erst vor zwei Tagen von einer dreimonatigen Radreise aus Istanbul zurückgekehrt. Umso mehr kann ich dankbar sein, dass er mich aufgenommen hat. Ich erinnere mich noch ganz genau an die Ukraine-Tour mit Georg als wir von einer ähnlichen Radtour nach Istanbul träumten. Es ist aber dann bei dem Traum geblieben.

Am nächsten Tag steht eine kürzere Etappe bevor, so dass ich mir mit der Abfahrt Zeit lassen kann. Und beim Blick aus dem Fenster kommt schon gar keine Eile auf: undurchdringlicher Nebel, die andere Straßenseite ist kaum zu sehen.

Die Stadt La Chaux-de-Fonds verlasse ich so, wie ich sie bei der Ankunft erlebt habe, mit Nebel und Kälte. Ich bin sogar froh, dass bald nach der Stadt die Strecke ansteigt und so werde ich wenigstens beim Fahren etwas warm. Auf wunderschönen Wegen geht es abseits des Autoverkehrs durch eine Landschaft wie im Bayerischen Wald. Bei Travers folgt die weitere Strecke einem Fluss und sogar die Sonne zeigt sich jetzt ab und zu. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung bis Saint Sulpice. Als ich dort das Anwesen meiner heutigen Dachgeber erreiche, werde ich gleich von Sandrine und ihrem Kind Mila herzlich begrüßt. Später kommt Alex und ich fühle mich fast wie ein Teil der Familie, so unkompliziert sind die beiden. Nach dem Abendessen checkt Alex für mich am Computer und mittels Karten meine geplante Route für morgen und dabei stellt sich heraus, dass diese Etappe einfach zu lang ist. Da Alex in die gleiche Richtung zur Arbeit fahren muss packt er am nächsten Tag mein Rad in sein Auto und fährt mich bis zum Gipfel des Ste. Croix. Bei 0 Grad (!) fahre ich jetzt los und passiere bald die französische Grenze. Von hier aus folge ich einer Straße durch den Wald, die ich ohne die Erklärung von Alex nie und nimmer gefunden hätte. In einem Supermarkt mit Cafèteria nehme ich ein zweites Frühstück zu mir, bevor ich nach der Überquerung eines Passes in die Schweiz gelange. Gegen Mittag raste ich auf einer Bank, die vor der Kantine einer Uhrenfirma steht. Nur der Hausmeister ist noch drinnen. Mir ist kalt, aber auf die Idee mich vielleicht hereinzulassen, kommt er nicht. Das habe ich auch schon anders erlebt, fällt mir ein, aber ich muss versuchen keine Erwartungen und Hoffnungen aufkommen zu lassen. Das ist manchmal und auch gerade heute gar nicht so einfach. Nach einem See (Lac du Joux) beginnt der Anstieg – besser gesagt mehr das Schieben – zum Col du Marchairux.

Gerade rechtzeitig vor dem Anstieg hat der Regen eingesetzt. So heißt es erst einmal Regenkleidung anlegen und dann geht es weiter. Die Abfahrt ist anschließend rasant, aber auch gefährlich wegen der nassglatten Fahrbahn.

Der erste Blick auf den Lac Leman ist unbeschreiblich. Durch kleine, sehr schön gepflegte Dörfer gelange ich kurz vor 18 Uhr nach Givrins, wo ich ausnahmsweise mal nicht bei Radfreunden, sondern bei der Mutter unserer Vermieterin übernachte. Das Abendessen ist sehr reichhaltig und gerade das brauche ich heute nach so einem anstrengenden Tag.

Bei leichtem Regen, der aber später aufhört, verlasse ich Givrins und über kleine Dörfer oberhalb des Lac Leman fahre ich nach Genf. Zuerst der Flughafen, danach protzige Neu- und Prachtbauten weisen mir den Weg in die Innenstadt und zur Seepromenade. Eindrucksvoll ist die Lage am See und die riesige Wasserfontäne Jet d‚eau (140 m hoher Wasserstrahl), eines der Wahrzeichen von Genf.

Ich unternehme einen Stadtbummel, bevor ich die Stadt verlasse. Das hört sich allerdings einfacher an als es tatsächlich ist. Allein die richtige Richtung zu finden ist schon schwer genug und auch danach bin ich mir nicht wirklich sicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Dazu Feierabendverkehr –jetzt heißt es voll konzentriert fahren und aufpassen.

Endlich habe ich die letzten Ausläufer der Stadt hinter mir gelassen, doch der weitere Weg über Landstraßen ist voller Steigungen und stark befahren – viele arbeiten wohl in Genf und fahren jetzt in ihre Dörfer zurück. Außerdem habe ich einen Zeitpunkt zum Treffen mit meinen heutigen Dachgebern vereinbart und mein Blick auf die Uhr zeigt mir unmissverständlich, dass ich mich voll ins Zeug legen muss um rechtzeitig dort zu sein. So erreiche ich den Treffpunkt in Frangy gerade zu der Zeit, als meine Dachgeber mit dem Auto dort ankommen… Da es von hier aus noch ein weiteres Stück ansteigend zu fahren wäre, laden sie mein Fahrrad ins Auto, was mir jetzt durchaus nicht unangenehm ist. In ihrem Haus bei Frangy begrüßen mich zwei große Schäferhunde, die zum Glück selbst beim Anblick eines Radfahrers friedlich bleiben. Auch das habe ich schon ganz anders erlebt…

Am nächsten Morgen frühstücke ich allein im Haus, die beiden sind zur Arbeit schon früh weggefahren. Den Schlüssel für das Haus lege ich dann wie vereinbart an einen Platz neben dem Haus. Erneut wird mir viel Vertrauen entgegengebracht.

An Stelle einer ruhigen und kurzen Fahrstrecke nach Annecy, steigt die Strecke beständig an und es herrscht reger Autoverkehr. So kann man sich manchmal täuschen. Ich bin froh endlich die Stadt zu erreichen und kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt treffe ich dann auch bei der Mairie (Rathaus) ein. Kurz danach kommt Virginie, die mir heute ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellt. Sie erklärt mir den Weg zu ihr nach Hause.

Während ich mit dem Rad dorthin fahre, ist sie mit dem Auto schon mal vorausgefahren. In ihrem Appartement angekommen, wartet schon ihre Mitbewohnerin Stephanie auf uns und wir essen gemeinsam zu Mittag. Am Nachmittag besichtige ich dann die schöne Altstadt von Annecy und spaziere an der Seepromenade entlang, während meine beiden Gastgeber zur Arbeit gehen müssen.

Der nächste Tag begrüßt mich mit viel Sonne. Leicht ansteigend führt die Strecke durch eine grüne, abwechslungsreiche Landschaft mit Weiden, Feldern, Wäldern und umrahmt von Bergen. Die Schlucht am Pont d`Abime ist eigentlich für den Verkehr wegen Brückenarbeiten gesperrt. Doch ich probiere es einfach und mit dem Rad komme ich durch! Der Ausblick von der Brücke über die Schlucht ist grandios. Von hier aus geht es meist bergab bis Aix-Les-Bains. Eine Stadt mit einem Thermalbad und dem entsprechenden Flair.

Nach einer Mittagspause im Park geht es auf einem Radweg entlang einer viel befahrenen Straße in Richtung Chambery. Vorher biege ich jedoch ab zum Lac du Bourget. Die Stadt Le Bourget du Lac liegt direkt am See, umgeben von Bergen. So genieße ich noch eine Weile dieses Seepanorama, bevor ich meine heutige Dachgeberfamilie aufsuche.

Die Eltern sind noch nicht da, der Sohn (11 Jahre) begrüßt mich und zeigt mir gleich die Dusche und meinen heutigen Schlafplatz im Haus. Das gesamte Haus ist voller Reiseandenken. Kein Wunder, waren doch die Eltern bereits vor über 30 Jahren fast 1 ½ Jahre mit dem Rad von Paris nach Kapstadt (Südafrika) unterwegs. Dagegen ist meine jetzige Tour nur ein kleiner Sonntagsausflug. Die Tochter (15 Jahre) führt mich anschließend zielstrebig und mit schnellem Schritt, dem ich kaum folgen kann, in die Stadt und zu einem Beobachtungsstand für Wasservögel am See. Auch sie hat schon jetzt große (Rad)- Reisepläne. So ist das gemeinsame Abendessen mit der 5-köpfigen Familie vor allem ein gegenseitiges Erzählen von Erfahrungen und Erlebnissen.

Am nächsten Morgen frühstücken wir gemeinsam. Während die Familie zu einer Reisemesse fährt, fahre ich zunächst auf einem schönen, ruhigen Radweg nach Chambèry. Wegen eines gesperrten Tunnels muss ich meine vorgesehene Route etwas abändern. Trotzdem lässt sich der nächste Gipfel, der Col du Granier, nicht umfahren. Vor Entrémont, wo ich eine Rastpause einlege, kommt noch eine weitere Passhöhe. Doch wie heißt es so schön: „Aller guten Dinge sind drei“. Und so kommt noch ein weiterer Pass und ich benötige meine gesamten Kräfte um auch diesen höchsten Punkt zu erreichen. Oben angekommen, ziehe ich alle meine verfügbaren Kleidungsstücke an, bevor eine über 12 Kilometer lange, mit zahlreichen engen Kurven gespickte Abfahrt bis nach Grenoble beginnt. Der glatte Wahnsinn! Ausgekühlt komme ich in Grenoble an und nach einer kurzen Irrfahrt auf der Standspur der Autobahn (!) gelingt es mir schließlich den richtigen Weg und die Adresse von Ritma und Christoph zu finden.

Ihre Wohnung befindet sich im 7. Stock eines Hauses in der Innenstadt. Der benachbarte Hotelportier öffnet mir freundlicherweise die Türe, da die Klingel außen nicht funktioniert. Ritma stammt aus Lettland und sofort kommen meine Radreiseerinnerungen wieder zum Vorschein und wir verstehen uns auf Anhieb. Da sie beruflich als Köchin in einem Restaurant arbeitet, lässt das Abendessen, das sie serviert, keine Wünsche offen. Die Wetteraussichten für morgen sind nicht gut und meine Gastgeber machen sich mehr Sorgen über den morgigen Tag als ich.

Nach dem Frühstück regnet es schon leicht, als ich losfahre. Nachdem ich die Stadt verlassen habe geht es ständig bergauf. Ich spüre jetzt deutlich, dass ich wesentlich mehr Kraft habe, als zu Beginn der Reise. Die Strecke bis Villard-Les-Lans zieht sich in die Länge und als ich die faszinierende Bourne-Schlucht erreiche, geht der leichte Regen in einen festen Dauerregen über. Schade, denn so kann ich diese wunderschöne Schlucht und die Landschaft des Vercors nicht wirklich genießen. Beim Anstieg zum Col de Rousset wird der Regen noch stärker und langsam aber sicher spüre ich die Nässe überall am Körper. Auf der Passhöhe führt der weitere Weg durch einen langen Tunnel und ein atemberaubendes Panorama erwartet mich auf der anderen Seite. Ich verweile trotz Kälte eine Weile, bevor ich die lange, kurvenreiche Abfahrt hinunter bis Die in Angriff nehme.

Von Die sind es noch einmal 20 Km bis Luc-en-Dios, meinem heutigen Etappenziel. So ist es bereits dunkel, als ich auf dem Weg dorthin bin. Meine Finger kann ich wegen der Nässe und Kälte kaum noch zum Bremsen bewegen!

Wie angenehm, dass jetzt die Strecke überwiegend flach ist. In Luc-en-Dios ist natürlich bei einem solchen nassen Wetter kein Mensch auf der Straße zu sehen, so dass ich an ein Fenster klopfen muss, um nach dem Weg zu meinem Dachgeber zu fragen. Mittlerweile völlig durchnässt erreiche ich Matthieu und seine Familie. Er zeigt mir sofort den Weg zur Dusche und zu einem Heizkörper, wo ich meine nassen Sachen trocknen kann. Heute bin ich wirklich am Ende meiner Kräfte, was mich auch nicht wundert bei diesen Wetterverhältnissen und 108 gefahrenen Kilometern.

Dafür wird der nächste Tag ganz einfach, denn es gibt nur eine kurze Strecke zu bewältigen – denke ich zu Anfang. Doch schon als ich Luc-en-Dios verlasse spüre ich, dass ich heute keine Kraft habe und so ist selbst diese kurze Strecke eine große Anstrengung, zumal es nur bergauf geht! Dazu bläst ein kräftiger Wind und zu guter Letzt befindet sich das Haus meiner heutigen Dachgeberin auf fast 900 Metern Höhe. Und da es nicht im Dorf liegt, sondern abseits in den Bergen fast im Wald, dauert meine Suche es zu finden, viel länger als üblich. Schließlich entdecke ich das Haus und auch Francoise, eine ehemalige Ärztin und mit 62 Jahren jetzt in Rente. Sie steht kurz vor einer über 1-jährigen Radtour durch Südamerika…

Der Kamin in meinem Zimmer ist schon angeheizt, so dass ich bei wohliger Wärme duschen und mich frisch machen kann. Nach dem gemeinsamen Essen unterhalten wir uns noch bis kurz vor Mitternacht, bevor ich schlafen gehe.

Mit zwei Worten lässt sich der nächste Morgen beschreiben: Klar und kalt!

Zum Glück kommt erst mal eine Steigung, damit ich mich etwas warm fahren kann. Die Landschaft, durch die ich jetzt radle, ist herrlich, ja grandios.

In La-Motte-Chalanchon hole ich mir frisches Brot und frühstücke auf einer Parkbank neben der Mairie (Rathaus). Auf der D 94 geht es nun weiter bis Nyons, vorher kommt noch eine beeindruckende Felslandschaft und eine Schlucht mit dem auf Felsen gebauten Dorf St. May. Die Region Drome, die ich heute durchquere, gefällt mir auf Anhieb gut. Über eine schöne alte Brücke fahre ich in Nyons ein und lege hier eine längere Pause ein.

Auf der Fahrt noch Bollène bläst bereits ein starker Mistralwind und ich ahne schon, dass die Weiterfahrt ein hartes Stück Arbeit bedeutet. Kurz vor der Überquerung der Rhone bei Pont-Saint-Esprit komme ich wegen des Windes kaum noch voran. So beschließe ich, in der Stadt erst noch eine Pause zu machen und etwas zu essen, bevor ich die letzten 15 Kilometer meiner Radreise angehe. Zum Glück lässt der Wind jetzt nach, aber dafür steigen die letzten Kilometer nochmals an.

Es ist schon dunkel, als ich nach der längsten (118 Km) und letzten Etappe meiner Tour von Deutschland nach Frankreich mein Ziel St. Christol-de-Rodières bei völliger Dunkelheit erreiche.

Eine anstrengende, aber eindrucksvolle und von vielen menschlichen Begegnungen geprägte Radtour ist zu Ende gegangen.

Ride, bike, peace and love

Hans Jürgen Stang