Radfahren ist…

„Das Fahrrad bedeutet mechanische Vollkommenheit.  Als der Mensch das Fahrrad erfand, erlangte er den Gipfel seiner Errungenschaften…… Hier war einmal ein Produkt des menschlichen Gehirns, das für seine Benutzer vollkommen wohltuend wirkte und anderen weder Schaden noch Ärger brachte.  Der Fortschritt hätte haltmachen sollen, als der Mensch das Fahrrad erfunden hatte.“

Alan und Elizabeth West, Hovel in the Hills, 1977

Der nachfolgende Text wurde von meinem früheren Radlpartner Georg Hristov aus Schifferstadt im Anschluss an unsere Radtour durch die Ukraine (1992) gefertigt und von mir im Jahre 2002 redaktionell überarbeitet.

 

Radfahren ist eine Form von Selbsterfahrung

Der Radfahrer hat unmittelbaren Kontakt zu seiner Umgebung.  Er wird nicht durch Glas daran gehindert.  Er spürt die Natur um und in sich.  Er wird bei längeren Fahrten eins mit ihr.  Er ist ein Teil davon.  Harmonisch passt er sich in das Geschehen mit ein.
Daher bezeichnet man ihn auch als sanften Tourist.  Er weiß, dass er verantwortlich ist für seine Umwelt und deshalb verhält er sich entsprechend.  Er hat ein natürliches Verhältnis zu seiner Umgebung.  Der Radler lässt geschehen und freut sich an dem was ist.

Scheint die Sonne, so freut er sich über sie, genauso wie über den Regen, denn dabei entfaltet sich ein intensives Geruchserlebnis – sei es vom Waldboden und von Wiesenkräutern, wie auch von der reinen Luft.  Die einzelnen oder in Gruppen stehenden Blumen und Bäume am Straßenrand sind seine treuen Wegbegleiter.  Ein Gefühl der Dankbarkeit steigt in ihm hoch für den alten Zaun, der sich romantisch vom Grün der Wiese abhebt.  Er freut sich über jeden Grashalm der ihn auf seiner Fahrt begleitet.
Mit Freude sieht er den Kühen beim Weiden des Grases zu und spürt die Ruhe und Zufriedenheit, die diese Tiere ausstrahlen.
Ja, dann erkennt der Velofahrer die Freude am Leben, die Lebendigkeit in allem was ist, die Liebe der Mutter Erde.

Der Mensch bekommt eine ganz andere Einstellung zur Fortbewegung und vor allem zum Urlaub.  Das was ihm früher so wichtig war, wird für ihn bedeutungslos.
Ob es die PS-starken Autos oder die modernen Unterkunftsräume der Luxushotels mit Fernseher, Minibar und Telefon sind.  Sie werden ihm gleichgültig.
Der Urlaub, der nur an Luxus gemessen wird, ist kein wahrer Urlaub.
Der Radler denkt weniger nach, er erlebt unmittelbar mit den fünf Sinnen.  Jedes neue Schild, das eine Ortschaft ankündigt, ist ein Erfolgserlebnis.  Mit jedem Kilometer, den er zurücklegt wächst sein Vertrauen in seine Kräfte, denn nicht die Maschine brachte die Leistung, sondern er selbst.

Am Anfang hat er es nicht für möglich gehalten täglich 50 bis 60 Km zu fahren, doch dann kommt die Überraschung – denn in wenigen Tagen hat er seine Kondition sehr gesteigert.  Hier sehen wir einen weiteren Vorteil dieses Urlaubs.  Den sportlichen Aspekt und die Ausdauer.  Nicht den unsinnigen Hochleistungssport, der nur wenigen dient, sondern der Sport, der der Gesundheit dient.  Der Träge wird fit, der Faule gewinnt Spaß an der Bewegung.  Der Dicke nimmt auf natürliche Art und Weise ab.  Der Unsichere erfährt Sicherheit, der Ängstliche neues Selbstvertrauen.

Mag es sich ungewöhnlich anhören, der erfahrene Radfernfahrer weiß, dass er nach vier- bis sechswöchiger Tour nicht mehr als der zurückkehrt, der er einmal war.  Sein Wesen hat sich verändert.  Inwieweit das Leben danach beeinflusst wird, weiß ich aus eigener Erfahrung zu berichten.
Da ist die Nähe zur Bevölkerung, die kurzen Unterhaltungen beim Auffüllen des Vorratswassers, da ist die spontane Einladung von einem Ehepaar zu einem Stück Kuchen, da ist die Frau, die ein Stück Wurst und Speck einpackt oder die Einladung von Privatpersonen in ein Haus zum Übernachten.  Ein Hausmeister, der die Turnhalle zum Übernachten anbietet, weil es – wie er meint – viel zu kalt draußen im Freien ist.

Auch ergeben sich spontane Zusammenkünfte mit anderen Fernradlern zu einem gemeinsamen Abendessen in einem Neubau, während im Hintergrund ein Wärmegewitter über dem Meer niedergeht.
Diese und viele andere Erlebnisse prägen sich tief ein.
Auf einmal steigt ein tiefes Gefühl der Nähe, Geborgenheit und Vertrauen in mir auf und mir fällt es leichter meine Türen für Fremde zu öffnen und Gastfreundschaft zu geben.  Das, was mir bei der ersten Radtour noch Angst bereitete, wandelt sich nun in Vertrauen und Zuversicht.  Die Straße wird zu einem zweiten Zuhause.
Natürlich dauert es eine Weile bis ich zu diesem Vertrauen komme.  Bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen langsamer.

Am Anfang einer Tour gibt es viele Ängste, die zu überwinden sind.
Eine Tour wird nicht nur zur physischen Aufgabe, sondern auch zur psychischen Herausforderung.  Da sind die kleinen Ängste auf fremde Leute zuzugehen und nach Wasser zu fragen.  Was die wohl über mich denken?
Da ist die Aufgabe, seine Angst zu überwinden und jemand zu fragen, ob ich auf dessen Grundstück die Erlaubnis bekomme zu übernachten oder da kommt auf einer Streuobstwiese, die ich zum Übernachten ausgesucht habe, plötzlich der Besitzer.
Wie gehe ich damit um?
Ich hatte Angst, dass er mich wegjagt.  Dabei lädt er mich zu sich ein und bietet an, soviel von dem Obst mitzunehmen, wie ich tragen kann.


Radfernfahrer stoßen auf Sympathie und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung.  Der Velofahrer ist zu dem Außen nicht so stark distanziert wie der motorisierte Fahrer, der durch die Landschaft hindurch rauscht ohne viel davon zu sehen.
Jemand sagte einmal: “Je schneller du dich fortbewegst, desto weniger bekommst du von deiner Umwelt und deinen Mitmenschen mit”.
Die intensivste, wenn auch langsamste Art der Fortbewegung ist der Fußgänger oder Wanderer.
Das Flugzeug ist die schnellste Fortbewegungsart, aber auch zugleich diejenige, bei der ich am wenigsten erfahre und erlebe.
Das Auto oder die Eisenbahn sind schnelle Transportmittel mit vielen, aber nur flüchtigen Erlebnissen der Natur und der Menschen.
Das Rad vereinigt zwei Vorteile:
Es bietet intensives Naturerlebnis mit respektabler Mobilität.

Georg Hristov