Rad-Abenteuer Kolumbien

Die Reiseroute ist auf den Karten wie folgt markiert:

  • Rot – Strecke per Rad
  • Blau – Strecke per Bus

(24.11.2014 – 21.01.2015)

Nach einem knapp 12 Stunden langen Flug bin ich ohne Verspätung in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens angekommen. Hier verbringe ich die ersten Tage bei einem Radler (WarmShowerList) und seiner Familie. Die Familie ist sehr nett und schon am ersten Tag fahre ich mit Jésus – so heißt der Radler mit Vornamen – per Rad zum Simon Bolivar Park – fast 20 km nur durch die Stadt! Aber zu meiner Überraschung auf Fahrradwegen (Ciclovias/Ciclorutas) – wer hätte das in Südamerika erwartet? Der Rückweg dann bei Dunkelheit und ohne Licht – zum Glück viel Straßenbeleuchtung und Autos ohne Ende.

Mit einem technisch versierten Radlerfreund geht es dann am nächsten Tag zu einem Radgeschäft, wo wir dann ein Rad (Mountainbike) in Einzelteilen kaufen. Anschließend baut ein weiterer Freund von ihm es zusammen. Mit dem Kauf von Straßenkarten (keine einfache Angelegenheit) sind die Vorbereitungen für die Radreise fast abgeschlossen. Nur die genaue Route ist noch nicht ganz klar – viele Tipps und Ratschläge gibt es von Freunden von Jésus – jetzt muss ich mich entscheiden. Die Karten sind alles andere als genau, das sehe ich jetzt schon. Nachdem ich das Gepäck noch einmal abgespeckt habe, habe ich mich für eine Route nordwestlich von Bogota entschieden (Tunja, Bucamaranga). Am Samstag fahre ich los – die Strecke durch Bogota begleitet mich Jésus – wenn das kein gutes Omen ist!

Wir fahren annähernd 2 Stunden quer durch Bogota, überwiegend auf Radwegen neben der Straße. Heute Morgen habe ich schon bemerkt, dass mein Hinterrad viel Spiel hat – am Wegesrand wird das Rad von einem mobilen „Handwerker“ wieder in Ordnung gebracht….
Unterwegs kommt noch ein Freund hinzu und fährt mit. Nach einem Frühstück in einem Café lassen wir langsam die Stadt hinter uns. Dichter Verkehr und wir dazwischen…
An einer Brücke verabschieden sich die beiden und ab jetzt bin ich alleine unterwegs. Nach etwa 20 weiteren Kilometern kann ich endlich die Hauptverkehrsstraße verlassen und auf eine Nebenstraße in Richtung Sopó abbiegen. Doch auch hier nicht gerade wenig Verkehr. Eine Mittagsrast an einem Teich mit Blick auf die Berge versüße ich mir durch einen zwar teuren, aber sehr gut schmeckenden Fruchtjoghurt, der nur hier in der Region angeboten wird. Die Landschaft ist hügelig, viel Weiden mit Kühen. Erinnert an die Schweiz. An einem Hinweisschild „Monumento“ verlasse ich die Straße und biege in eine Schotterpiste ein. Kurz danach entdecke ich das „Monument“ – eine Kirche auf einer Anhöhe. Also hochschieben des Rades und erst einmal eine Pause gemacht. Dann kommt ein alter Mann und kassiert 2 000 COP (kolumbianische Pesos, weniger als 1 €) Eintrittsgeld. Im Gespräch erfahre ich, dass die Schotterpiste nach 3 km in das Dorf Guasca führt. Nachdem ich schon mal hier bin, entscheide ich mich einfach bis dorthin weiter zu fahren. Noch vor dem Dorf stehen zwei schöne große Häuser und ich frage nach einer Übernachtung. Eine Frau ist von meiner Reise beeindruckt, aber nicht genügend um mich aufzunehmen. Sie verweist auf das Nachbarhaus. Als ich dort einfahre, sehe ich einen Mann und mehrere Oldtimer auf dem Gelände stehen. Auch mit ihm komme ich ins Gespräch und er zeigt mir voller Stolz die restaurierten Autos. Am Ende der Unterhaltung greift er in seine Hosentasche und aus einem Riesenbündel großer Geldscheine zieht er 20 000 COP (etwa 8 €) heraus und drückt sie mir in die Hand unter Hinweis auf ein Hotel in Guasca. Dazu bekomme ich noch eine Flasche Cola geschenkt. In Guasca finde ich dann auch gleich ein kleines Hotel/Hospedaje, das genau 20.000 COP kostet…

 

Nach diesem beeindruckenden Erlebnis gehe ich abends im Ort etwas essen und spazieren. Die große Kirche und der Park sind sehenswert.

Mit einem Müsli-Frühstück auf dem Zimmer beginnt mein zweiter Radtag. Es nieselt leicht, als ich losfahre. Später hört es auf, fängt aber immer mal wieder an. Oberhalb eines Sees fahre ich bis Guatavita, mein eigentliches Ziel von gestern. Dort sind die Touristen aus Bogota noch nicht eingetroffen, als ich meinen Rundgang durch den Ort mache. Der Blick auf den riesigen See ist gratis.
Mittlerweile funktioniert der mittlere Umwerfer an meinem Rad nicht mehr richtig und in Sesquile lasse ich das in einem Radladen gleich reparieren. Zum Glück findet sich in fast jedem Ort ein Radladen oder eine Radwerkstatt – viele Kolumbianer benutzen das Rad (MTB oder Rennrad). Als ich in einem Restaurant etwas zu Mittag esse, lerne ich einen einheimischen Radler kennen und wir tauschen unsere Adressen aus. Außerdem zeigt er Interesse für mein Rad. Wir vereinbaren, dass ich mich melde, wenn ich zurück in Bogota bin. Er kommt aus Sopó, den ersten Ort, den ich nach Bogota passiert habe. Der Ortsrundgang fällt wegen einsetzenden Regens kurz aus. Doch als ich wieder losfahre, hört es auf. Schon gleich nach dem Ort kommt eine langgezogene Steigung bis zu einer Brücke über eine Schlucht, die durch Militär gesichert ist. Weitere Steigungen folgen – ich komme kaum vorwärts. Etwa 3 km vor dem Ort Choconta gibt es einen lauten Knall und mein hinterer Schlauch im Reifen ist geplatzt! Am Wegesrand wechsle ich den Schlauch, doch mit der Pumpe bekomme ich einfach keine Luft rein. Irgendwann erkenne ich, dass ich so nicht weiter komme und ich halte einen Jeep an. Der junge Mann kriegt es auch nicht hin und so wird mein Rad in den Jeep geladen (passt exakt rein…) und er bringt mich in Choconta zu einem Fahrradgeschäft, das trotz Sonntag geöffnet hat. Hier wird mit Druckluft der Reifen in Sekunden aufgepumpt und der Schlauch, der einen Riesenriss hat, geflickt. Er nennt mir ein Hospedaje und so habe ich auch recht schnell noch eine Unterkunft.

Bei Sprühregen fahre ich am nächsten Tag los und es geht dauernd auf und ab. Die Puente Boyaca erreiche ich am Nachmittag – hier war einst ein Schlachtfeld und eine Riesenstatue von Simon Bolivar und andere Monumente sind zu sehen. Unter einem Baum ruhe ich mich eine Weile aus. Kurz danach verlasse ich die Straße und biege in eine andere ein – die Landschaft ändert sich schlagartig, wird offener und weiter. Kleine Häuser mit Gärten, Ackerland. Nach weiteren leichten Steigungen mit toller Aussicht auf die Umgebung beginnt urplötzlich eine kilometerlange, rasende Abfahrt mit Haarnadelkurven. Eine echte Herausforderung, bevor ich den Ort Samaca erreiche. Der Ort selbst bietet nichts Besonderes. In einem Hotel bleibe ich diese Nacht.
Mein Magen rumort etwas, als ich nach dem Frühstück wieder losfahre. Auch jetzt viele einzelne Fincas, Gärten, Landwirtschaft. Leichte Steigungen, doch ich spüre heute meine Beine. Dann kommt wieder eine lange Abfahrt, die Landschaft jetzt mit weniger Grün und Erosion. Nach der Abfahrt wird es deutlich wärmer. Ich erreiche Villa de Leyva, einen touristisch herausgeputzten Ort mit Kopfsteinpflasterstraßen und schön restaurierten Häusern. Aber auch deutlich höheren Preisen. So zahle ich diesmal für meine Unterkunft doppelt so viel wie ein Tag vorher in Samaca. Ich entscheide mich trotzdem zwei Nächte hier zu bleiben um mich etwas zu erholen. Dennoch mache ich eine kurze Wanderung am nächsten Tag und habe Glück sogar einen Weg zu finden. Der Anstieg hat es aber in sich. Ich treffe einen Lehrer mit kleinen Kindern und er sagt mir, dass nach etwa 4 Stunden ein Dorf käme. Ich kehre aber viel früher um, genauso wie die Schulklasse, von deren Lauftempo ich echt beeindruckt bin. Mittags ruhe ich mich aus.
Am nächsten Tag verlasse ich Villa de Leyva in Richtung Santa Sofia und Moniquira. In Moniquira kann ich bei einem Radler übernachten.

 

Im Internetcafé, wo mein Dachgeber Miguel arbeitet, verabschiede ich mich nach meiner Übernachtung von ihm und fahre bei trockenem Wetter (die Nacht über hat es geregnet) los. Unmittelbar nach dem Ort beginnt ein 8 km langer Anstieg, den ich meist im 1. Gang fahre. Danach weitere 3 km Anstieg mit Schieben des Rades. Grüne, dichte Vegetation umgibt die Straße. Anschließend verengt sich die Straße in eine Art Schlucht und es geht flach weiter. In Arcabuco ist es Zeit einige Kalorien zu sich zu nehmen und durch Zufall lande ich in einem Lokal, das einem Schweizer gehört. Es hängen Bilder von Bayern, der Schweiz, von Bergen und von Bier im Lokal! Es gibt Fleischkäse mit Ei, deutsches Bier. Fast wie zu Hause. Nach dieser Stärkung geht es – natürlich wieder (leicht) ansteigend – weiter auf die Höhe und die Landschaft ändert sich. Kleine Fincas, Weiden und Kühe, Alpenpanorama! Nach einer Pause neben einem Fluss komme ich nach Combite – vorher eine kurze, aber schnelle Abfahrt. Da es noch relativ früh am Nachmittag ist, entscheide ich mich doch noch bis Paipa durch zu fahren, wenn man mir vorher gesagt hätte wie weit es ist, hätte ich es wahrscheinlich nicht getan. Die Straße, die laut meiner Karte eine Nebenstraße ist, ist inzwischen eine 2-spurige Autobahn geworden mit einer Seitenspur oder Standstreifen für langsamere Verkehrsteilnehmer. An der Mautstelle können Rad- und Mopedfahrer auf einer eigenen Spur einfach durchfahren. Andere Länder – andere Gebräuche. Zum Glück gehen die 23 km bis Paipa meist bergab und Rückenwind gibt es gratis dazu. Eine sehr schöne Landschaft wie in den bayerischen Alpen begleitet mich bis kurz vor Paipa. Zwei Kohlekraftwerke und eine nicht gerade schöne Stadt zeigen die Kehrseite der Medaille. Nur mit großer Mühe und Not gelingt es mir noch vor Einbruch der Dunkelheit überhaupt ein Hotel zu finden, das nicht ausgebucht ist. Die Weihnachtsferien haben begonnen….

Etwas später als sonst fahre ich am nächsten Tag los und genehmige mir am Ortsausgang von Paipa einen leckeren Fruchtsalat mit Mangos, Papayas, Bananen, Kiwi für sage und schreibe 1,30 €.
Die Landschaft wird immer schöner, je länger ich fahre bzw. mal wieder schiebe. Und dann wieder eine lange Abfahrt bis Firavitoba. Erst jetzt realisiere ich, dass der Lago de Tota noch meilenweit entfernt ist….
Nach einer Essenspause im Ort fahre ich weiter. Asphalt wechselt mit Schotter- und Sandpiste. Iza, ein recht netter Ort bietet auch Übernachtungs-Möglichkeiten, aber es ist noch zu früh und so fahre ich noch ein Stück weiter. Das Stück ist eine staubige Schotterpiste, die dann in Asphalt übergeht. Im kleinen Ort Cuitiva reicht es mir für heute und ein Polizist führt mich zu einer Frau, die ein Zimmer in ihrem Haus vermietet. Der Haken ist nur, dass es ganz oben am Berg liegt, ich kann das Rad kaum hochschieben, so steil ist der Weg! Ich genehmige mir gleich eine lauwarme Dusche, während es draußen anfängt zu regnen. Als ich wieder fertig bin, hat der Regen aufgehört und so laufe ich in den Ort mit Park und Kirche und kaufe etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen ein. Im Park gibt es sogar WiFi – wer hätte das hier gedacht? Mein Magen ist auch wieder in Ordnung, das merke ich an meinem Appetit…

 

Am anderen Morgen heißt es erst einmal wieder schieben, bevor es auf einer guten Asphaltstraße bis nach Tota geht. Ein angenehmer Ort, überall stehen handgemachte Figuren für die Weihnachtszeit. Im einzigen Café des Ortes gibt es Rührei mit Reis und eine Tasse heiße Schokolade zum Frühstück. Danach folgt eine lange Schotter-, Sandpiste, die nicht enden will. Viele Einwohner hier, das sieht man an den Gesichtern, stammen von der Urbevölkerung (Indigenas) ab.

Nach einer langen Kurve kommt wie aus dem Nichts der Lago de Tota, der größte See Kolumbiens zum Vorschein. Was für ein gewaltiger Anblick, der alle Anstrengungen vergessen lässt. Die Straße führt oberhalb des Sees entlang und nach 3 km komme ich an die Abzweigung zum Strand Playa Blanca – ein Strand mit weißem Sand in 3 015 m Höhe. Ich lasse das Rad oben stehen und laufe hinunter. Dort gibt es einige Verkaufsstände, Pferdevermietung und mehr. Nach einer Pause mit Blick auf den See und einem Spaziergang am Strand – das Wasser ist gar nicht so kalt wie ich dachte – komme ich per Anhalter wieder hoch zur Straße.
Gerade rechtzeitig zur Mittagszeit komme ich an einer Fiesta der Einheimischen vorbei, die mich wie einen Menschen vom Mond bestaunen – und wahrscheinlich ist es auch umgekehrt. Es gibt verschiedene gegrillte Würste mit kleinen Pellkartoffeln. Gerade richtig zur Deckung des Kalorienverbrauchs.
Ich umrunde den See auf der einen Seite und komme dann in die Stadt Aquitania, wo ich mich in einem Park eine Weile ausruhe. Als ich weiterfahre setzt leichter Regen ein, dennoch sind die Ausblicke  auf den See und die Berge beeindruckend. Später muss ich noch 2 km schieben, dafür dann von oben ein Riesenpanorama. Ich bin sicher, der Tag heute war einer der Höhepunkte in Kolumbien. Endlich komme ich zu einer Kreuzung und hier geht es auf die Hauptstraße nach Sogamoso.

 

Was jetzt folgt ist mit Worten kaum zu beschreiben – eine 22 km lange, serpentinenreiche Abfahrt bei der ich u.a. mehrere Lkw und zwei Autos überhole. Die Fahrt fordert höchste Konzentration – ein Fahrfehler…..

Als ich in der Stadt ankomme, bin ich total ausgefroren und brauche erst einmal einen Kaffee um mich wenigstens ein bisschen aufzuwärmen. Da es stärker anfängt zu regnen, entschließe ich mich spontan in einem Hotel hier zu übernachten, das ich in einer Seitenstraße erspäht habe.
Zum ersten Mal brauche ich an diesem Abend meinen Fleecepulli und meine Trainingsjacke gleichzeitig. Ausgehungert bin ich nach dieser Fahrt auch – eine Pizza leistet Abhilfe. Im Zentrum der Stadt finde ich an diesem Abend weder eine WiFi-Möglichkeit noch einen Internetzugang. Ausgerechnet heute, wo ich mir die weitere Route noch näher ansehen wollte.

Ich verlasse Sogamoso, eine Industriestadt mit nicht gerade schönen Außenbezirken, durch die ich am nächsten Tag fahren muss. Lkw-Verkehr, aufgewirbelter Staub, Dieselabgase – erst an der Abzweigung nach Mongui hört es damit auf. Es folgen 14 km leichter Anstieg bis kurz vor dem Dorf, wo es richtig steil wird. Kein Wunder, das Dorf liegt auf fast 3 000 Meter Höhe. Gleich am Ortsanfang frage ich nach einer Übernachtung und ein Mann bringt mich – natürlich mal wieder steil hoch – zu einem Haus, wo er ein paar Betten vermietet. Da es noch früh am Tag ist, lasse ich das Rad dort stehen, ziehe mich um und laufe im Ort spazieren. Aber nicht lange, denn es fängt fest an zu regnen und so flüchte ich in ein Restaurant, wo ich etwas esse und auch noch WiFi nutzen kann. Da soll einer noch etwas über Rückstände auf dem Dorf sagen – hier klappt es sofort im Gegensatz zur Stadt gestern Abend.
Der Regen hält den ganzen Nachmittag an und so sitze ich im Restaurant und später in einem Cafe fest. Erst gegen 17 Uhr hört es auf und ich hole meinen Rundgang nach. Morgen werde ich noch hier bleiben und nicht radfahren. Es soll allerdings auch morgen regnen. Mal sehen wie es weitergeht, eigentlich wollte ich nach El Cocuy am Fuße der Sierra Nevada de Cocuy. Keiner kann jedoch Auskunft über die Straßen dorthin geben und auf meine Karte ist nicht immer Verlass. Wenn das Wetter regnerisch bleibt, werde ich die Route ändern müssen. Also abwarten und Geduld üben……

 

In Mongui tausche ich einen Radltag gegen einen Wandertag. Der Weg hoch in Richtung „Paramo de Oreca“ hat es in sich. Mehrmals muss ich stehen bleiben und Luft holen. Keine Wunder, denn von knapp 3 000 Metern Höhe geht es hoch auf knapp über 4 000 Meter. So hoch war ich noch nie, nebenbei bemerkt. Der Weg wird schmäler, die Vegetation ändert sich – viele Blumen, blühende Sträucher. Alles grünt und blüht. Letztendlich habe ich das Endziel des heutigen Tages verfehlt, was mich nicht wundert, denn eine Beschilderung ist nicht vorhanden und es gab einige Wegkreuzungen. Trotzdem ist die Aussicht atemberaubend. Wie klein da unten alles ist! Nach einer langen Pause geht es steil bergab und da ich einen Weg offenbar verfehle, muss ich querfeldein über Kuhweiden und einen Bachlauf den Weg zu einer Straße laufen. Bunte Häuser mit Gärten erreiche ich eine Weile später und vor einer Tienda (Laden) sitzen zwei Männer und trinken ein Bier. Sie winken mich zu sich und da ich müde bin, komme ich zu ihnen. Sofort werde ich zum Bier und einer Kleinigkeit zum Essen eingeladen und wir kommen ins Gespräch. „Alemania“ – da funkeln die Augen…. Neben dem Haus ein schöner Garten mit Erbsen, Kartoffeln und so kann ich mich gut über den Garten unterhalten – soweit es meine Spanischkenntnisse zulassen…

Ich verlasse das schöne Dorf mit besonders freundlichen Menschen früh am nächsten Morgen. Zunächst geht es bergab und erst nach mehrfachem Fragen finde ich die unscheinbare Abzweigung zur Straße in Richtung Corrales. Die Straße dorthin und in die nächsten Orte ist eine einzige Baustelle, kein Asphalt. Und die Straße beginnt anzusteigen. Laster wirbeln Staub auf, dann Riesenlöcher. Tasco erreiche ich kurz vor Mittag. Da das einzige Restaurant im Ort noch nicht geöffnet hat, hole ich mir in einem Supermarkt etwas zu essen. Es gibt leckere Baumtomaten dazu. Die Leute hier im Ort und auch unterwegs sind deutlich ärmer als in Mongui. Unterwegs sieht man auch viele kleine Kohleminen mit dem entsprechenden Staub und Dreck. Die Strecke nach La Paz del Rio geht bergab, dafür beginnt es kurz vor dem Ort fest zu regnen. Die Regenkleidung anziehen und gleichzeitig mangels Abstellplatz das Rad halten, ist eine Kunst die ich noch öfter üben muss. Da es nicht aufhört zu regnen, stelle ich mich vor einem überdachten Bierlokal unter. Nach etwa einer Stunde lässt es nach und ich entscheide mich den wenig einladenden Ort zu verlassen und noch 25 km bis Belén weiter zu fahren. Die Strecke ist zum Glück ohne große Steigungen, was nicht heißt, dass es keine gibt. Inzwischen glaube ich, dass es in Kolumbien – von der Küste abgesehen – kaum eine Strecke ohne Steigungen gibt.

Unterwegs fängt es immer mal wieder an zu regnen- Regenhose-, Jacke an – dann wieder aus. So geht es eine ganze Weile. Unterwegs liefere ich mir ein Wettrennen mit einem einheimischen Radler (ohne Schaltung) und nachdem es zuerst so aussieht, als kann ich ihn abhängen, lässt er mich am Ende zurück. Vor der Einfahrt zur Stadt Belén bin ich stehend k.o. Das i-Tüpfelchen ist dann noch der feste Regen der kommt. Endlich komme ich an ein Hotel. Das Zimmer ist auch noch ganz oben und so muss ich alles hochschleppen. Heute passt mal wieder alles. Die Stadt ist auch alles andere als schön.

 

Zum Glück sind die Sachen über Nacht getrocknet und am Morgen regnet es nicht. Es folgt wieder eine schöne Landschaft mit viel Viehwirtschaft. Und es geht – und das ist kein Witz – 10 km nur bergauf. Wie gut, dass man das im Voraus nicht weiß. Überwiegend kann ich die Steigungen im erste Gang fahren, ab und zu muss ich auch mal absteigen und schieben. Im kleinen, aber sympathischen Ort El Paramo, gibt es eine Essenspause und etwas Ausruhen im Park vor der Kirche. Ich frage einen Mann wie die Straße nach Onzaga ist – ganz guter Zustand, aber unasphaltiert, meint er. Seine Worte werden mir später noch im Ohr klingen. Die ersten 10 km sind tatsächlich recht gut zu fahren, auch wenn einige steile Steigungen vorkommen. Je schöner die Landschaft wird – teilweise urwaldartig und dicht umwuchert – desto schlechter wird die Straße. Und dann fängt es an leicht zu regnen. Doch es dauert nicht lange und es schüttet in Kübeln. Die Straße weicht auf – der Alptraum beginnt. Dazu noch steil bergab, rutschig, steinig, innerhalb kurzer Zeit bilden sich Riesenpfützen. Bald sehe ich aus wie ein „Schwein“ – was noch eine Beleidigung für das arme Tier ist. Drei Wasserläufe müssen durchquert werden. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn ich weiß bei diesen Verhältnissen kann jederzeit eine unpassierbare Stelle kommen und dann sitze ich fest. Ich bin klatschnass, aber es ist recht mild und so kann ich es aushalten. Dann kommen Baustellen, wo ich das Rad durch eine Schlammstelle schieben muss. Dass ich nicht ganz einsinke, wundert mich selbst. Der Zug an meinen Bremsen wird auch immer länger, sie sind bald abgefahren und das Gefälle hört nicht auf. Ich glaube schon fast nicht mehr daran, aber nach fast 4 Stunden Fahrt erreiche ich das Dorf Onzaga – nachdem ich vorher das Rad noch über einige Löcher tragen muss. Der Ort und die Umgebung sind mir auf Anhieb sympathisch und mit dem einzigen Hotel am Ort habe ich echt Glück. Viel Platz im Zimmer, sehr freundliches Personal. So entscheide ich mich spontan noch einen Tag mehr hier dran zu hängen.
Am nächsten Tag scheint die Sonne, als wenn nie etwas gewesen wäre.
Ich muss erst mal meine Sachen sauber machen und zum Trocknen aufhängen. Morgens mache ich eine Wanderung zu einem Aussichtspunkt. Der Weg führt an kleinen Häusern, Gärten mit armen, aber freundlichen Menschen vorbei. Die Aussicht von oben ist auch toll.

Nach einem Mittagessen bei Doña Wiber für umgerechnet 2 € genehmige ich mir noch einen tropischen Fruchtsaft und ein Eis. Dann ruft die Pflicht – das Rad ist total verdreckt, die Kette und Ritzel voller Sand. Also ist eine gründliche Reinigung angesagt. Da ich kein Öl für die Kette auftreiben kann, helfe ich mir mit Salatöl vom Hotel aus. In einem Internetcafé checke ich meine Mails – umgeben von minderjährigen Kindern, die am Computer spielen. Entsprechend der Lärmpegel. Um 20 Uhr werden hier die Bürgersteige hochgeklappt – vorher muss man seine Einkäufe oder das Abendessen erledigt haben. Trotzdem – dieses Dorf findet sich in keinem Reiseführer und dennoch oder gerade deshalb hat es etwas Besonderes.

Am nächsten Tag fahre ich weiter. Am Anfang eine gut zu befahrene Schotter-, Sandpiste durch tropische Vegetation. Nach einer kleinen Pause in Sao Joaquin geht es in Serpentinen steil hoch. Schieben ist wieder angesagt. Gar nicht so einfach – loser Sand lassen das Vorderrad immer wegrutschen. Vom höchsten Punkt dann eine grandiose Rundumsicht. Kaum zu fassen, dass ich hier hoch gekommen bin. Nach einer Abfahrt erreiche ich Mogotes, wieder hat sich die Landschaft geändert. Erneut viel Viehwirtschaft. Nach einem Essen in einem Restaurant geht eine Asphaltstraße oberhalb eines Flusses entlang. Mal geht es hoch, dann wieder bergab. Etwa 15 km vor San Gil, meinem heutigen Ziel, blockiert mein Hinterrad und lässt sich nicht mehr bewegen. Alle meine Versuche scheitern, es muss etwas im Innenlager sein. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Auto anzuhalten. Inzwischen habe ich den Blick dafür und ein kleiner Lieferwagen hält tatsächlich an. Das Rad passt genau zwischen die Kisten mit Milchflaschen, das Gepäck oben drauf.

Der Fahrer kennt sich aus in San Gil und so bringt er mich gleich am Ortseingang zu einem Radladen. Nun, es ist etwas mit dem Konus- der Mechaniker spricht von fabrikneuem Schrott…..
Also wird das Teil ausgewechselt, gleichzeitig das Hinterrad neu zentriert und die abgefahrenen Bremsbacken ausgewechselt. In der Zwischenzeit nennt er mir ein Hostal, steil oben an der Straße liegend, in das ich einchecke. Später hole ich das Rad ab – es ist so steil hier, dass ich kaum hochkomme.

 

Am folgenden Tag lasse ich das Rad stehen und fahre mit dem Bus nach Barichara. Ein schöner, touristisch herausgeputzter Ort – sehenswert.
Von hier aus führt ein Wanderweg, der Camino Real (von einem Deutschen damals angelegt) in das winzige  Dorf Guane. Vögel und Vogelgezwitscher begleiten meinen Weg dahin. Nach einem Aufenthalt dort fahre ich per Anhalter  wieder nach Barichara zurück. Mit drei anderen Leuten geht es dann per Taxi nach San Gil.

Die Region hier ist schon viel wärmer als die Region Boyaca, wo ich vorher war. Von San Gil aus will ich am nächsten Tag bis Floridablanca, einem Vorort von Bucaramanga, fahren. Wohl wissend, dass es fast 90 km sind und es nur schwer zu schaffen ist. Dort erwartet mich ein Rad-Dachgeber.

Um 07.30 verlasse ich das Hostal und gleich geht es bergauf, viele Kurven, viele Lastwagen und Busse. Nach etwas mehr als 25 km Fahrt zischt es plötzlich an meinem hinteren Reifen. Plattfuß….
Erneut das übliche Programm mit Absatteln, Schlauch wechseln und wieder habe ich das gleiche Problem mit der Pumpe. Es funktioniert nicht.

Bevor ich die Krise bekomme, erblicke ich einen Jeep und halte ihn an. Er ist ziemlich voll mit Gepäck und trotzdem bemüht sich der Fahrer alles unter zu bekommen. Nachdem das Vorderrad ebenfalls abmontiert ist, ist alles verstaut und ich nehme neben seiner Frau auf dem Beifahrersitz einen Platz ein. Es wird eng und ein bisschen ungemütlich, aber er hat das gleiche Ziel wie ich und so passt es perfekt. Unterwegs erkenne ich, dass ich die ganze Strecke heute mit dem Rad nie geschafft hätte – zu viele Steigungen! Und vor allem die Umfahrung oder Überquerung des Canyons von Chicamocha hätte jede Menge Zeit gekostet. Der Blick in diese Schlucht ist der helle Wahnsinn. Die Schlucht der Ardèche in Südfrankreich passt hier xxx Mal rein!

So bin ich mittags unvorhergesehen bereits in Floridablanca und nach einem herrlich erfrischenden Fruchtsaft im Haus des Fahrers bringt er mich zu meinem Dachgeber. Nach einem Mittagessen geht dieser mit mir zu einer befreundeten Radwerkstatt und hier wird wieder einmal das Rad in Ordnung gebracht. Mittags folgt dann noch ein Waschtag und abends kommen Freunde und bei kolumbianischem Bier und Musik wird es ein langer Abend.
Das Rad kann ich bei „Duke“, dem Dachgeber stehen lassen, während ich heute Abend über Nacht mit dem Bus nach Santa Marta an die Karibikküste fahre. Einige Tage ohne Rad und in der Hitze, ich bin gespannt wie das werden wird.
Eines muss man jetzt schon vorab sagen – die Hilfsbereitschaft der Kolumbianer ist kaum zu beschreiben. Man sollte in Europa auch endlich das Drogenimage das dem Land anhaftet, überdenken.

Ein Freund von „Duke“, meinem Rad-Dachgeber bringt mich mit dem Auto zum riesigen Busbahnhof in Bucaramanga, von wo aus ich mit einem ebenso riesigen Doppeldeckerbus nach Santa Marta an der Karibikküste fahre. 9 Stunden Nachtfahrt bei eisiger Aircondition. Ich friere trotz Jacke.

In Santa Marta frühstücke ich an einem Straßenstand und mit einem Minibus geht es zu einer Straßenkreuzung außerhalb der Stadt. Dort steige ich auf ein Mopedtaxi um und nach einer Fahrt hoch in die Berge der Sierra Nevada de Santa Marta erreiche ich das kleine Dorf Minca. Es liegt in dichter, ursprünglicher Tropenvegetation. Der „Herbergsvater“ in San Gil hat mir einen Tipp gegeben – Oskar‘ s Place sei wunderschön gelegen. Und so ist es: nur nach einem Fußmarsch von 20 Minuten zu erreichen. Dafür eine Rundumaussicht – unten am Meer die Stadt Santa Marta. Traumhaft. Ich bekomme nach längerem Warten ein kleines Haus mitten im Wald gelegen. Eine Französin von der Insel Réunion, die ebenfalls in San Gil in der Herberge war, ist auch hier und so laufen wir am nächsten Tag nach dem Frühstück im Dorf hoch zu einem kleinen Wasserfall, Pozo Azul. Die Brücke kurz davor ist nichts für schwache Nerven. Das Bad im kühlen Wasser erfrischt. Dann geht es durch dichten Urwald weiter hoch, ewig lang zieht sich der Weg bis zu einer der ältesten Kaffeeplantagen der Region, La Victoria aus dem Jahre 1892. Hier kann man die Verarbeitung des Kaffees aus der Nähe betrachten. Da der Weg doch länger war als gedacht, fahren wir dann per Anhalter nach Minca zurück. Der Hunger treibt uns in ein Restaurant, wo wir am späten Nachmittag zu Mittag essen. Dann noch ein kleiner Spaziergang durch den Ort und am Fluss entlang, bevor es ins Hostal zurück geht. Während der Eigentümer sich bereits den zweiten Joint genehmigt, stellt uns eine kolumbianische Familie die verschiedenen Musikrichtungen des Landes vor. So klingt der Abend aus.

 

Am nächsten Tag verlasse ich diesen wunderschönen Platz und wieder geht es mit einem Mopedtaxi nach Santa Marta. An einer vielbefahrenen Kreuzung steige ich aus und schon nach kurzer Zeit kommt der richtige Bus nach Palomino. Diesen Ort erreiche ich nach etwa 1 ½ Stunden Fahrt und auch hier wartet gleich wieder ein Mopedtaxi, das mich in Richtung Strand bringt. Die ersten beiden Unterkünfte sind entweder zu teuer oder belegt. Bei der dritten bleibe ich – nicht gerade die beste auf meiner Reise bisher, aber noch tragbar. Einige chaotische Typen aus allen Ländern sind hier in Palomino, viele Langzeit-Reisende. Sehr warm, Sonne und Moskitos!

Ich bleibe einen Tag noch hier und laufe am Strand entlang. Langer Sandstrand, aber sehr starke Brandung mit Unterströmungen. Sehr gefährlich. Also nur Baden, schwimmen geht kaum, so stark ist die Strömung. Bei dem Spaziergang komme ich zu einem Fluss mit Reihern, Flamingos und anderen Vögeln. Ein kleiner Weg führt am Fluss entlang und endet schließlich im Dorf. Da ich Durst habe genehmige ich mir mal wieder einen jugo natural, einen Fruchtsaft. Diesmal mit der „Lulu-Frucht“ und Milch. Wunderbar erfrischend! Danach lasse ich den Rest des Tages ruhig angehen und schreibe Tagebuch und gehe nochmals an den Strand und am Abend esse ich Fisch mit arroz de coco (Reis in Kokosnussöl).

Der folgende Tag ist wieder ein reiner Fahrtag. Mit einem Bus geht es nach Cartagena – 4 ½  Stunden Fahrt.  Dort kann ich bei einer Rad-Dachgeberin übernachten. Angelina, kurz Angie ist nicht nur Warmshowers-Gastgeberin, sondern auch bei Couchsurfing und Airbnb. Das bedeutet, dass ständig Gäste aus allen Ländern der Welt bei ihr sind.

Die Stadt Cartagena ist zur Weihnachtszeit wie ein Rummelplatz und das bei Tag und Nacht. Menschenmassen auf den Straßen und in den Geschäften, Musik an allen Ecken und Enden, Verkehr rund um die Uhr. Mit einem öffentlichen Bus fahre ich von Angie´s Wohnung aus in das alte Zentrum. Das ist die Vorzeigestadt für Touristen aus allen Ländern. Das andere Cartagena ist laut, schmutzig und bedarf einiger Abhärtung. Die Altstadt mit herausgeputzten Häusern, Innenhöfen und Balkonen ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Von hier aus kann man zu Fuß in etwa einer halben Stunde zum Strand nach Bocagrande laufen. Baden im Meer mit Blick auf Hochhäuser rund herum. Schon deutlich langsamer laufe ich dann am frühen Abend wieder in die Altstadt zurück, wo ich von der Festungsmauer, die die Altstadt umgibt, einen Sonnenuntergang beobachte. Mit einem Bus – Stehplatz inbegriffen – fahre ich wieder zur Wohnung zurück.

Trotz Ventilator im Zimmer ist der Schlaf kurz, selbst in der Nacht ist es deutlich über 20 Grad mit hoher Luftfeuchtigkeit. Schon um 6 Uhr stehe ich auf und nach einem kurzen Frühstück mit der Mutter von Angie laufe ich wieder zur Bushaltestelle und fahre mit dem Bus ins Stadtzentrum. Nach einem weiteren Fußmarsch zum Hafen geht es dann mit dem Schiff für einen Tagesausflug zu den Islas de Rosario. Während der Fahrt wie üblich laute Musik, Stimmengewirr, Partystimmung. Der erste Stopp an einer kleinen Insel mit Korallenriff. Dort kann ich schnorcheln – leider ist die Zeit viel zu kurz und schon geht es an anderen Inseln vorbei zum Strand von Playa Blanca. Der Strand ist wirklich schneeweiß und kilometerlang. Hier gibt es Mittagessen (Fisch) und dann heißt es noch ca. 2 Std. Aufenthalt und Baden im warmen Meer.

Gegen 17.30 Uhr legt das Schiff wieder in Cartagena an und nach einem kurzen Aufenthalt in der Altstadt nehme ich wieder einen Bus für die Rückfahrt. Er ist brechend voll und als er losfährt, rutscht mein linker Fuß weg und ich falle vorwärts in Richtung Busfahrer auf den Boden. Außer einer blutenden Schürfwunde am kleinen Finger ist zum Glück nichts passiert, aber die Leute im Bus haben jetzt ein Gesprächsthema…

Die Hitze, der Trubel, der Sturz – für heute reicht es mir.

 

Am Morgen des Heiligen Abends fahre ich mit Angie und Dutzenden von Tüten per Taxi zu ihrem Restaurant, das sie in der Innenstadt betreibt. Während sie arbeiten muss, nehme ich wieder den Bus – diesmal ohne Probleme – und fahre zum Strand von Bocagrande, wo ich den Vormittag verbringe. Danach ein Fußmarsch in brütender Hitze zur Altstadt, wo ich etwas esse und einen erfrischenden Maracuja-Fruchtsaft mit Milch trinke.

Was ich dann vom Fenster aus während meiner Busfahrt zurück erlebe, ist unvorstellbar: tausende von Menschen auf den Straßen, in den Kaufhäusern, an Straßenständen, hunderte von Mopeds beladen mit Weihnachts-Geschenken, Musik aus den Bussen, Musik auf den Straßen, Musik an allen Ecken und Enden. Andauernd Stau auf der Straße, Busse quetschen sich vor die Autos, Mopeds zwischen die Busse, Taxis schießen aus dem Nichts hervor.

Im Haus zurück ist auch hier nichts mit stiller Nacht, heiliger Nacht. Laute Musik aus dem Computer und ein Freund kommt mit einer (deutschen!) Bohrmaschine und ich soll ihm helfen einen Fernseher an die Wand zu installieren. Uhrzeit: 22.10, Essen gibt es später….

Wir hämmern und bohren was das Zeug hält, der Ventilator läuft auf vollen Touren, trotzdem bin ich nass geschwitzt. Gegen 23 Uhr sind wir fertig und da inzwischen auch die Freundin von Angie mit mehr als 1 ½ stündiger Verspätung eingetroffen ist, kommen wir auch zum Essen. In der Zwischenzeit ist auch noch ein deutsches Paar aus Leipzig, das seit 2 Jahren um die Welt reist, eingetroffen. Sie schlafen im Bett von Angie, während diese im Zimmer ihrer Mutter nächtigt. Es wird eine lange und wie könnte es anders sein, eine laute Nacht. Ich verabschiede mich bereits abends von Angie, denn am folgenden Morgen fahre ich früh mit dem Bus zum Busbahnhof.
Und dann muss ich dort feststellen, dass ich einen logistischen Fehler gemacht habe. Ich habe mich nicht vorher nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt und so muss ich erkennen, dass heute nur ein Bus nach Bucamaranga fährt und der erst in etwa 3 Stunden. Aber jetzt habe ich keine andere Wahl mehr. Also warten auf die Abfahrt in einem heruntergekommenen Busbahnhof. Außerdem habe ich die Fahrzeit unterschätzt. Statt 12 Stunden bin ich fast 15 Stunden mit dem Bus unterwegs und das bedeutet, dass ich erst um 02.00 Uhr am nächsten Tag morgens ankomme. Dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt bis Floridablanca, wo ich im Dunkeln  erst nach einigem Suchen das Haus von Duke, meinem Rad-Dachgeber, wieder finde.

Heute habe ich etwas Halsschmerzen, kein Wunder bei der arktischen Aircondition im Bus. Eigentlich wollte ich heute schon mit dem Rad weiterfahren, aber nach dieser kurzen Nacht hat das keinen Sinn und so bleibe ich den Tag noch in Floridablanca. Ich nutze die Gelegenheit zum Waschen einiger Sachen, zum Schreiben etc.
Auch hier ist es inzwischen viel wärmer als noch zu der Zeit als ich mit dem Rad ankam.

Duke, mein Rad-Dachgeber in Floridablanca begleitet mich frühmorgens mit seinem Rad und zeigt mir den Weg. Erst mal müssen wir uns im dichten Verkehr der Stadt behaupten und anschließend geht es für lange Zeit nur noch bergauf. Beständige Steigung, doch im zweiten und ersten Gang zu fahren. Noch sind auch die Kräfte frisch. Wir erreichen einen Aussichtspunkt mit Rundblick auf die Stadt Bucamaranga mit ihren Hochhäusern. Eine kleine Stärkung und viel Flüssigkeit und es geht wieder los. Nach etwa 20 km weiterer Fahrt verabschiedet sich Duke von mir und ab jetzt bin ich wieder allein unterwegs. Die Vegetation wird offener und es wird zunehmend heißer. Kaum noch Siedlungen sind auf der Strecke zu finden. Am frühen Abend erreiche ich eine Siedlung „La Fortuna“. Einige Häuser, Läden und drei Hotels, zwei davon in wenig einladendem Zustand. Also bleibt mir nur das dritte Hotel, idyllisch neben einer Tankstelle und einem Lastwagen-Parkplatz. Typische Raststätten-Atmosphäre.

Die Hitze bleibt auch am Abend, ohne Ventilator ist an Schlaf überhaupt nicht zu denken. Ich kann kaum einen Unterschied zur Karibik, wo ich vor kurzem war, erkennen….

Wie üblich frühstücke ich auf dem Zimmer und gegen 6 Uhr morgens fahre ich los. Trotzdem schon jede Menge Lkw-Verkehr auf der Straße. Stunde um Stunde wird es heißer und beim Anblick des Wegweisers „Medellin 390 km“ wird mir erst bewusst, auf was ich mich da eingelassen habe. Außer Viehweiden, Fincas auf vielen Kilometern keine Ansiedlung. Die Strecke zieht sich wie Kaugummi, kein Ende in Sicht. An einer „Tienda“ mache ich eine kleine Pause, fülle den Wasserhaushalt wieder auf und erfahre, dass es bis zur nächsten Siedlung immer noch mehr als 10 km sind. Müde und ausgelaugt erreiche ich endlich Puerto Araujo, wo die Hotels fast alle in Richtung Hauptstraße liegen. Ich finde einen Laden mit Früchten – endlich wieder! Ich merke auch meine Erkältung, die ich seit der Busfahrt zurück nach Bucamaranga habe.

In dieser Nacht beschließe ich, dass ich versuche am folgenden Tag einen „Lift“ mit einem Auto oder kleinen Lkw zu bekommen. Die Nacht über habe ich schlecht geschlafen, da die Luft total stickig war im Zimmer. Wieder bin ich früh „on the road“ und radle los. Nach etwa 20 km kommt eine Kreuzung und in einem Lokal mache ich eine kurze Trinkpause, als ein Kleinlaster anhält. Der Fahrer steigt aus und kauft auch etwas zum Trinken. Ich ergreife die Gelegenheit und frage ob er noch Platz hat auf seiner Ladefläche. Er bejaht und 10 Minuten später ist das Rad und das Gepäck verstaut und wir fahren los. Die Fahrt ist viel länger als auf der Karte dargestellt und am Computer berechnet. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Immerhin kann ich fast 80 km bis zu einer weiteren Kreuzung mitfahren. Dadurch habe ich einen Tag Fahrt in der Hitze gespart. Ich radle dann noch etwa 30 km bei brütender Hitze weiter, überquere den riesigen Rio Magdalena und an der Abzweigung nach Puerto Triunfo mache ich meine Mittagspause. Es gibt wohlschmeckenden Fisch, frisch zubereitet. Ein Lkw-Fahrer und sein Sohn setzen sich zu mir an den Tisch und ich frage ihn nach der weiteren Strecke und den Siedlungen dort. Am nächsten Tag wird sich herausstellen, dass fast alle seine Angaben mit der Realität nichts zu tun haben…

10 km trennen mich noch von Doradal und ich bin froh, dort zu bleiben (siehe Satz vorher). Die Hotels sind sehr teuer, das Dorf voller Menschen. Überraschend ist das größte Hotel im Ort das günstigste, vor allem weil es mir gelingt den Preis noch um einiges herunter zu handeln. War das mein Radfahrer-Charme oder Bonus? Leider gelingt das nicht immer. Das schönste aber ist, dass ich als Gast des Hotels den riesigen Swimmingpool benutzen kann, was meinen müden Knochen sicher gut tut. Im Ort kann ich einkaufen, was essen und trinken und vor dem Schlafen gehen gibt es noch eine weitere Runde im Pool (bei lauter Musik, aber das ist ja nichts Neues).

Auch heute brennt die Sonne schon am Morgen. Ich kann von Glück sagen, dass ich gestern nicht weiter gefahren bin, denn entgegen der Aussage des Lkw-Fahrers vom Vortag kommt das nächste Hotel erst nach etwa zwei Stunden Fahrt mit dem Rad. Die Landschaft wird jetzt dicht bewachsen, ich fühle mich wie im Urwald als ich Rio Claro passiere. Danach geht es bergauf und ich muss wieder öfters schieben. Ich spüre meine linke Wade, heute Nacht hatte ich einen Krampf. Ich muss aufpassen, sonst geht nichts mehr. Die Strecke bis zur Abzweigung nach San Luis erscheint wieder einmal unendlich. Von der Abzweigung aus – endlich verlasse ich die Hauptstraße – geht es dann nur noch bergauf. Meist schiebend. Ein paar Kilometer vor dem Ort liegt ein schöner Wasserfall. Nach weiteren Serpentinen erreiche ich San Luis, wo ich das nächstbeste Hotel nehme und gleich dusche. Heute Abend muss ich zweimal essen gehen, so einen Hunger habe ich.

 

Die Auskünfte, die ich über die weitere Strecke heute bekomme, reichen von total falsch bis unklar und unbestimmt. Das geht schon los mit der richtigen Richtung… Die ich dann doch finde und die Straße ist unbefestigt, am Anfang noch zu befahren, später geht meist nur noch Schieben. Und vor allem ansteigend. Einen Kreuzungspunkt, der von vielen Soldaten gesichert wird, erreiche ich um die Mittagszeit. Die folgende Strecke ist noch schlechter als die von heute Morgen. Eine Geröll- und Steinpiste. Ich stelle eine Blase unter meinem Fußballen fest, die mir zu schaffen macht. Vor allem beim Schieben. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Ich habe das Gefühl, dass in Kolumbien 10 km doppelt so weit sind als in Deutschland….
Gegen 15 Uhr kommt endlich das Schild und eine Abzweigung „Guatapé 17 km“. Allerdings mit 17 km hatte ich nicht gerechnet, eher viel weniger.
Und es geht bergauf, die Straße katastrophal. Wenn das so weiter geht, erreiche ich den Ort nicht vor Einbruch der Dunkelheit schießt es mir durch den Kopf. Doch zum Glück wird die Straße später besser und dann geht es auch bergab. Von oben ein toller Blick auf die Seenlandschaft bei Guatapé und den riesigen Monolithen von „El Penol“.

Das Abendlicht und diese tolle Landschaft bauen mich wieder auf, denn bis zum Ort ist doch noch ein Stück zu fahren. Und es ist fast dunkel, als ich ankomme. Der Ort voll mit Menschen (heute ist Silvester), laute Musik, ein einziger Rummelplatz. Die Hotels machen keinen billigen Eindruck und so ist es auch, außerdem sind die meisten belegt. In einer Seitenstraße finde ich ein Hospedaje und mit viel Glück bekomme ich noch ein Zimmer, das bisher teuerste auf meiner ganzen Reise. Abends gibt es noch einen Umzug (wie Karneval) durch den Ort – ohrenbetäubend! Und gerade als ich zum Essen gehe, folgt ein Regenschauer. Den nächsten Tag verbringe ich auch noch hier (die Übernachtung kostet dann übrigens nur noch die Hälfte), ich brauche dringend einen Ruhetag.
Da ich die Blase am Fuß habe bin ich auch wenig gelaufen an diesem Tag, also ein „echter“ Ruhetag. Außerdem bin ich sehr müde, kein Wunder auch bei der Strecke von gestern.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2015 und am frühen Morgen fahre ich auf einer Asphaltstraße (!) bis Penol, immer wieder mit schönen Ausblicken auf den See. Nach einer Stärkung und kleinen Pause geht es dann mehr und mehr bergauf und ich muss auch öfters schieben. Nach Marinilla fahre ich in Richtung des Flughafens von Medellin – ewig lang zieht sich die Straße. Doch danach steigt es deutlich an und kein Ende in Sicht. Während ich das Rad die Straße hochschiebe hält vor mir ein Pickup an und zwei junge Leute fragen mich, ob ich ein Problem mit dem Rad habe. Das habe ich nicht, aber zwei Minuten später verladen wir das Rad auf den Pickup und die beiden nehmen mich mit nach Medellin. Während der Fahrt wird klar, dass ich mein Endziel des heutigen Tages, die Stadt Caldas südlich von Medellin ohne die Mitnahme nie hätte erreichen können. Nach langer Fahrt bergauf kommen wir zu einem Aussichtspunkt: Blick auf Medellin und die umliegenden Berge – da bleibt mir fast die Luft weg. Die beiden Männer kommen gerade von einem Urlaub aus Equador zurück und sie nehmen mich mit in ihr Apartment, unterwegs kaufen wir in einem Supermarkt noch etwas zum Essen und Trinken ein. Nach einer Dusche und einer Pause verlasse ich die beiden und dank ihrer Erklärung finde ich gleich die richtige Ausfallstraße und nach einer Stunde durch die Stadt geht es auf der Autopista weiter in Richtung Caldas. Vor Einbruch der Dunkelheit erreiche ich diese Stadt, wo mich ein Rad-Dachgeber am Park vor der Kirche erwartet. Dort habe ich heute Nacht ein Quartier und später gehen wir zusammen noch Pizza essen und Obst einkaufen. Juan, der Radler war schon in vielen Teilen der Welt mit dem Rad unterwegs, so dass es genügend Gesprächsstoff an diesem Abend gibt.

 

Am folgenden Tag fährt er mit mir die ersten 20 km bis kurz vor Amaga, bevor ich dann wieder allein weiter fahre. Durch abwechslungsreiche Landschaft geht es bis Bolombolo. Vorher kommen zwei sehr lange Abfahrten, bei der ich wieder einige Kleinlaster und Autos überhole. Je weiter die Fahrt nach unten geht, desto wärmer wird es. Ein regelrechter Hitzeschwall kommt mir entgegen. Schade, dass das einzige Hotel mit Pool in Bolombolo ausgebucht ist. So muss ich doch noch 27 km weiter fahren. Und wie immer wenn man schon etwas müde ist, steigt dann auch noch die Straße an. Die Sonne brennt erbarmungslos und am frühen Nachmittag erreiche ich die Stadt Hispania. Hier finde ich gleich ein einfaches Hotel, leider nicht mit Pool. Sogar WiFi funktioniert hier, was nicht immer der Fall ist.

Nach dem Frühstück im Park am nächsten Morgen fahre ich wieder los. Von Anfang an steigt es an – und hört bis zum Ende kaum auf. So sind auch 35 km heute viel. Die Landschaft wird jetzt mehr und mehr von Kaffee dominiert. Ich bin auf etwa 2 000 m Höhe und erreiche, nachdem ich unterwegs meinen ganzen Proviant gegessen habe, die Stadt Jardin, was so viel wie „Garten“ heißt. Eine schöne Stadt mit bunten Häusern, viel Grün, einem riesigen Park und einer ebenso riesigen Kirche. Voll mit Urlaubern! Deshalb ist auch die Hotelsuche nicht einfach – entweder ausgebucht oder sehr teuer. Nachdem ich schon fast aufgegeben habe, finde ich doch noch ein relativ günstiges, sogar in der Nähe des Parks gelegen. Ich habe einen Riesenhunger und gehe gleich etwas essen, bevor ich mich etwas ausruhe und dann noch einen Rundgang mit dem Foto mache. Ich bleibe noch einen Tag länger hier zum Ausruhen bzw. um kleine Wanderungen in der Umgebung zu unternehmen.  Das nächste Ziel heißt dann Riosucio und dorthin führt nur eine unbefestigte Straße…..

Ich verlasse Jardin am frühen Morgen und zu meiner Überraschung sind die ersten 5 Kilometer bis zu einem Restaurant sogar asphaltiert. Aber die Freude darüber soll nicht lange bleiben. Denn danach geht es gleich noch mehr nach oben und je höher ich komme, desto schlechter wird die Straße. Nachdem ich schon lange das Rad geschoben habe und mir tatsächlich einbilde die  Gipfelhöhe bald erreicht zu haben, hält ein Pickup neben mir und ein Mann fragt mich, ob ich nicht mit ihm fahren möchte, denn es würde noch sehr lang ansteigen….
Bei so einem Angebot kann ich nicht widerstehen und im Handumdrehen ist das Rad und das Gepäck auf der Ladefläche verstaut. Nachdem wir vielleicht eine Stunde nur bergauf gefahren sind, wird mir bewusst, dass ich die heutige Strecke allein kaum hätte bewältigen können…

Nachdem dann der höchste Punkt (etwa 3 000 Meter) erreicht ist und wir wiederum fast eine Stunde bergab gefahren sind – die Straße ist nebenbei bemerkt in katastrophalem Zustand – nimmt mich der Mann zu seiner Forellenzuchtstation mitten in der Pampa mit. Dort erklärt und zeigt er mir alles und zum Abschluss bekomme ich noch ein Mittagessen, natürlich gebackene Forelle. Dann heißt es Abschied nehmen, denn es liegt noch ein langer Weg vor mir. Es geht jetzt nur bergab und wer denkt, dass es jetzt schnell geht, täuscht sich gewaltig. Denn selbst bergab ist die Straße kaum zu befahren – voller Steine, Schotter und losem Geröll. Also erneut schieben mit ständig angezogener Handbremse – sehr anstrengend auf Dauer. Nach etwa 2 Stunden Schieben kommt eine Militärpatrouille – die Männer wollen sich aber nur mit mir unterhalten. Jetzt ist es nicht mehr weit bis Riosucio meint der Chef von ihnen. Teilweise kann ich am Straßenrand wenigstens fahren und nach einer weiteren Stunde kommt der Asphalt – fast wie eine Fata Morgana. Noch eine halbe Stunde mehr und ich fahre in das Zentrum von Riosucio ein. Das erste Hotel ist zu teuer, das zweite ist in Ordnung. Direkt am Park wie alle anderen auch. Heute Abend ist hier der Abschluss des „Carnaval de Diablo“. Und das heißt – die Hölle ist hier los. Ohrenbetäubender Lärm, Musik, Straßenfest überall. Trotzdem ein beeindruckendes Erlebnis, als Abschluss um 23 Uhr nach einem Umzug mit Kostümen, Verkleidungen, Masken die Verbrennung eines Riesenteufels mit angebrachten Knallkörpern. Ein Riesenspektakel!

 

So komme ich heute erst spät ins Bett und dementsprechend müde bin ich am folgenden Morgen. Ich frühstücke im Park und dann geht die Fahrt auf einer Asphaltstraße (!) beständig nach oben – was sonst?

Nach weiteren beständigen Steigungen erreiche ich um die Mittagszeit den Ort Anserma, wo ich eine Mittagspause einlege und etwas esse. Deshalb fällt es schwer wieder loszufahren. Doch schon nach kurzer Zeit kommt eine schier unendliche Abfahrt! Der helle Wahnsinn! Wie im Rausch komme ich immer tiefer bis zur Höhe eines Flusses, der mich von nun an begleitet. An einer Brücke sehe ich Menschen im Fluss baden – da trete ich auf die Bremse – diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen. Zumal es mit zunehmender bzw. vielmehr abnehmender Höhe immer heißer wird. Das Bad im Fluss erfrischt, allerdings hat er eine starke Strömung. Das Rad kann ich während dieser Zeit problemlos bei einem Haus stehen lassen wie fast überall in Kolumbien. Nicht ein einziges Mal habe ich mein Rad hier abgeschlossen.
Die letzten 25 km bis La Virginia ziehen sich mal wieder wie das berühmte Kaugummi. Geschlaucht – vor allem von der dengelnden Sonne – erreiche ich die Stadt, die alles andere als schön und einladend wirkt. Ein Hotel zu finden ist kein Problem hier, das Problem ist die Hitze und die stehende Luft im Zimmer sowie die auch nachts hier fehlende Abkühlung. Deshalb schlafe ich auch schlecht.

Am nächsten Tag geht es wieder Meter um Meter höher. Erst auf einer Nebenstraße und dann auf der Hauptstraße mit entsprechendem Verkehr. Unterwegs kaufe ich mir an einem Straßenstand eine Ananas, die sofort vor Ort geschält wird. Toller Service und toller Geschmack!
Ich komme in die Stadt Pereira, eine Provinzhauptstadt ohne besondere Sehenswürdigkeiten. Eine kurze Tour heute, dafür waren es gestern 80 Kilometer. Hier übernachte ich bei einem Rad-Dachgeber, bevor es am nächsten Tag noch einmal etwas höher geht.

Die heutige Strecke nach Salento ist nur kurz, aber dafür natürlich eine beständig ansteigende Strecke. Nach einer kurzen Stärkung unterwegs gehe ich die letzten 10 Kilometer an und die bringen mich ganz schön ins Schwitzen! Als ich Salento erreiche, wimmelt es wieder einmal von Menschen und ich ahne schon was da jetzt wieder kommt. Ich erfahre, dass heute der letzte Tag der Stadtjubiläumsfeierlichkeiten ist, entsprechend voll sind die Hotels und Hostals. Und vor allem teuer. Ich klappere die halbe Stadt ab und erst als ich wieder einmal kurz vor dem Aufgeben bin, aber doch noch ein Stück weiter fahre, entdecke ich ein Hostal an einer Straßenecke und frage dort nach. Wenn ich das Zimmer mit einem Iren teile, bekomme ich noch einen Platz. Das ist in Ordnung und vor allem der Preis ist überraschend niedrig im Vergleich zu den anderen, die ich erfragt habe. Sogar ein Frühstück gibt es noch dazu im „Casa del Loro“ (Haus des Papageis). Der Ire reist am nächsten Tag weiter, so dass ich danach das Zimmer sogar für mich alleine habe.

Mit einem Jeep und 15 weiteren Personen (alle im Jeep und am Jeep wohlbemerkt) führt die Fahrt ins Tal von Cocora, wo sich die größte Ansammlung der Wachspalme (dem Wahrzeichen von Kolumbien) befindet. Diese kann bis zu 60 Meter hoch werden. Im Tal beginnt eine Wanderung erst unspektakulär, aber dann durch dichten Wald mit mehreren Flussüberquerungen auf Hängebrücken, die nur einzeln passierbar sind. Nichts für Unsichere!

Nach etwa 2 ½ Stunden kommt eine Wegegabelung und ich entscheide mich wie einige andere auch für den steilen Weg nach oben. Dieser kostet aber verdammt viel Kraft, denn er endet an der Finca Montana auf 2 700 Meter Höhe. Dort ist dann auf jeden Fall eine längere Pause angesagt. Umgeben von vielen blühenden Blumen, Vogelgezwitscher, Kolibris an den Blüten lässt es sich lange aushalten. Der Rückweg führt dann auf einer kleinen, unbefestigten Fahrstraße hinunter ins Tal von Cocora mit tollen Ausblicken auf das Tal und die Hänge mit den Palmen. Unten angekommen muss erst einmal der Durst gelöscht werden, bevor es wieder mit einem Jeep nach Salento zurück geht.

Am nächsten Tag fahre ich mit dem Rad und ohne Gepäck, was wieder ein völlig neues Gefühl darstellt, einige Kilometer hinunter zu einem Dorf an einem Fluss. Von hier aus führt eine unbefestigte Straße zur Finca Santa Rita. Nachdem ich beim Eigentümer 3 000 Pesos (etwas über einen Euro) gelöhnt habe, kann ich den Weg zum Wasserfall von Santa Rita benutzen. Mit Fahren ist es bald vorbei, da der Weg immer schmäler und enger wird. Außerdem muss das Rad an mehreren Stellen getragen oder über Hindernisse gehoben werden. Auch ein Tunnel ist zu durchqueren, doch die Krönung kommt einige hundert Meter vor dem Wasserfall, vor einem Campingplatz: ein Fluss muss auf einer superschmalen Hängebrücke mitsamt dem Rad überquert werden! Keine leichte Aufgabe – ein Fehltritt und das Rad oder ich oder beide fallen ins Wasser. Nachdem ich diese Aufgabe bewältigt habe, lasse ich das Rad kurz vor dem Wasserfall stehen und gehe die letzten Meter zu Fuß. Von außen kaum zu erkennen ist der Wasserfall von Bäumen und Sträuchern dicht umgeben. Ein Bad unter dem Wasserfall lasse ich mir nicht nehmen – es dauert aber nicht lange – denn das Wasser ist eiskalt!
Dafür verspeise ich anschließend meinen mitgebrachten Proviant auf einem Felsen direkt vor dem Wasserfall – ein nicht alltäglicher Platz.

Die zweite Überquerung der Hängebrücke klappt ebenfalls und so gelange ich wieder in das Dorf, wo ich mich noch etwas umschaue, bevor ich zum Flussufer gehe und mich dort unter schattigen Bäumen eine Weile ausruhe. Am späten Nachmittag heißt es dann bergauf zurück nach Salento – das leichte Rad ohne Gepäck lässt mich die lange Steigung ohne Absteigen bewältigen. Kaum bin ich im Hostal zurück setzt ein Gewitter und Regen ein. Dieser hört aber abends schon wieder auf.

Den letzten Tag in Salento lasse ich ruhiger angehen. Zu Fuß geht es ca. 4 km zu einer organischen Kaffeefarm und Finca, wo ich an einer Führung teilnehme – vor allem wird hier alles ohne größere Maschinen bewirtschaftet. Den Rest des Tages verbringe ich mit kurzen Spaziergängen in der unmittelbaren Nähe des Ortes und mit etwas Ausruhen.
Dann fahre ich in die Nähe der Stadt Armenia, wo ich bei einem Rad-Dachgeber übernachten kann. Humberto ist Koch und hat ein eigenes Restaurant, was für mich als Radler sehr von Vorteil ist.  Nach einem Ruhetag fahre ich abends in den Ort und – das Ticket habe ich vorsorglich einen Tag vorher schon gekauft – und fahre mit dem Bus in einer Nachtfahrt nach Bogota. Das Rad wird ohne Probleme unten im Bus verstaut.

In Bogota verbringe ich noch drei Tage mit Stadtbesichtigung, Radverkauf, Einkauf von einigen Dingen, bevor ich dann nach Deutschland zurück fliege.

Zum Abschluss noch ein kleines Fazit dieser Reise:

Kolumbien war ein echtes Rad-Abenteuer! Und es war ohne Zweifel insgesamt gesehen meine bisher schwerste Radreise.  Vor allem weil fast immer irgendwelche Berge zu überqueren waren. Und weil die Steigungen sehr lang sein können und auch oft sehr steil. Hinzu kamen – da ich den Hauptverkehrsstraßen ausgewichen bin – viele unbefestigte und teilweise sehr schlechte Pisten. Eine weitere Schwierigkeit war mit zunehmender Zeitdauer der Reise die Hitze. Nicht nur an der Karibikküste kann Kolumbien ganz schön heiß sein! Dafür entschädigt eine wunderschöne Natur – alles ist grün und blüht – und Ausblicke, die mir manchmal den Atem raubten. Tolle Panoramen und wahnsinnige Abfahrten.

Insgesamt habe ich etwa 1 450 Kilometer in Kolumbien mit dem Rad gefahren, sicher deutlich weniger als sonst, was aber auf das Höhenprofil der Strecken zurück zu führen ist. Das ergibt einen Tagesdurchschnitt von etwa 53 km (normalerweise habe ich einen Durchschnitt von etwa 75 km). Zu berücksichtigen ist dabei, dass es Tage gab, wo ich in den Bergen maximal 35 km fahren konnte.

Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Kolumbianer ist besonders lobenswert. Welcher Autofahrer in Deutschland fragt schon einen Radler an einer Steigung ob er ihn mitnehmen soll? Und nirgends, weder in den Geschäften, Restaurants oder beim Straßenverkauf hatte ich das Gefühl über den Tisch gezogen zu werden.
Ich habe keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht und die Hilfe die mir entgegengebracht wurde, ist mehr als beeindruckend. Ich hatte auch keine Probleme was die Sicherheit betrifft. Im Gegenteil – ich glaube Kolumbien gehört zu den sichersten oder ist das sicherste Land in Südamerika.
Auch mit dem Unterstellen oder Abstellen des Rades gab es nie Probleme. Ich habe mein Fahrrad nicht ein einziges Mal abgeschlossen. Fragen genügt und schon ist die Sache geklärt. Das Rad ins Hotelzimmer mitzunehmen ist in der Regel auch unproblematisch.  Auch im Umgang mit Schwierigkeiten sind die Kolumbianer flexibel und offen – da werden keine tausend Worte gemacht und lange hin- und her überlegt wie so oft in Deutschland. Irgendwie findet sich immer eine für alle akzeptable Lösung.

Was mir nicht so gefallen hat, ist die Küche Kolumbiens. Relativ eintönig und zu sehr fleischorientiert. Gemüse existiert teilweise gar nicht. Dabei bietet das Land vom Klima und Boden her gesehen mehr als optimale Voraussetzungen für Gemüseanbau. Davon kann ich in Südfrankreich nur träumen! Aber leider konzentriert sich alles auf Fleisch und Viehzucht, sicher stehen da auch gewisse Interessengruppen dahinter.
Was hervorragend ist, ist die Vielzahl der Früchte, deren Namen hier gar nicht bekannt sind. Und die „Jugos naturales“ – Fruchtsäfte aus diesen Früchten – die werden mir echt fehlen!

Wenn ich den Ablauf der Reise so abschließend betrachte, kommt es mir vor, als sei alles so verlaufen wie es hat sein müssen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht haben sich die einzelnen Punkte, Orte, Ereignisse, Dinge zu einer Perlenschnur oder Kette zusammen gefügt.

Was hab ich mir Gedanken gemacht mit dem Kauf des Rades zum Beispiel. Du kommst nach Kolumbien, übernachtest bei einem Radler, den du nicht kennst und drei Tage später hat er und ein Freund das fertige Rad für dich.  Und bevor du das Land verlässt gelingt dir noch über das Internet der Verkauf des Rades zu einem angemessenen Preis, den ich nicht erwartet habe…

Oder: Du siehst das Schild „34 km bis Medellin“ und die lange Steigung die da hochführt und dir wird klar: das kannst du heute nie mehr schaffen. Wenige Minuten später hält ein Pickup an und nimmt dich einfach mit. Zufall?

Oder: Du fährst und schiebst stundenlang eine Piste entlang und dann setzt Regen ein. Dass du jemals den nächsten Ort erreichen wirst glaubst du kaum noch und trotzdem geht es irgendwie weiter. Als du den Ort erreichst, findest du die freundlichsten Menschen und ein tolles Quartier. Zufall?

So könnte ich noch jede Menge anderer Beispiele nennen.

Eine unvergessliche Reise, das „Rad-Abenteuer Kolumbien“ ist zu Ende und ich freue mich, wenn Sie mir auf dieser Reise in Gedanken gefolgt sind!

Herzlichen Dank

Hans Jürgen Stang