Unentdecktes Polen

2 · 24 · 09

Kilometerlange, schnurgerade und von mächtigen Bäumen mit ihren Blätterdächern gesäumte Alleen, unbekannte Vogelstimmen, Storchengeklapper, endlose Felder und dichte Wälder – wo gibt es das alles noch?

Zum Glück gibt es auch in Europa noch solche Gegenden, wie wir bei einer Radtour in Polen feststellen konnten. Das ehemalige Pommern (Pomorze) ist unser Ziel, genauer gesagt das pommersche Binnenland – wegen seiner 1800 Seen auch Pommersche Seenplatte genannt (Pojezierce Pomorskie). Charakteristisch für dieses Gebiet sind Moränenhügel, Rinnen- und Gletscherseen, ausgedehnte Waldgebiete und dünne Besiedlung.

Wir starten unsere Fahrt in Frankfurt/Oder, wo wir zunächst bei einem Dachgeber übernachten und am nächsten Tag bei Slubice die polnische Grenze überqueren. Schon 20 Km hinter der deutsch-polnischen Grenze folgen wir schattigen Alleestraßen, was nicht nur an heißen Sommertagen ein Genuß ist. In Frankreich sollen diese Alleen jetzt abgeholzt werden, da sie zu vielen Autofahrern das Leben gekostet haben. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn ich an diesen Irrsinn denke.
In einem Waldstück bei Osno Lubuskie erwischt mich ein Plattfuß am Hinterrad. Das Reifenflicken wird zur Tortur, da unzählige Stechmücken anscheinend an dieser Stelle gerade darauf gewartet haben, zwei Radler zu ärgern. Ein paar Kilometer weiter folgt der nächste Platten. Jetzt erkenne ich, daß der vorhandene Schlauch fehlerhaft ist und so wechsle ich ihn gleich aus.

Es wird bald dunkel und in einem Dorf finden wir zu unserer Überraschung einen Radler-Biwakplatz, den wir zu dieser Jahreszeit (Mitte Mai) für uns allein haben. Schwärme von Mücken und Schnaken lassen uns das Zelt in Windeseile aufbauen und zugedeckt und abgehängt wie Beduinen in der Wüste kochen wir unser erstes Abendessen in Polen.

Mein Tacho funktioniert nicht mehr und es bereitet mir am Anfang einige Mühe dies zu akzeptieren. Lubniewice liegt malerisch zwischen zwei Seen eingebettet und das Frühstück mit Blick auf einen davon schmeckt vorzüglich. Sich von der Ruhe, Stille und Beschaulichkeit am Seeufer loszureißen und weiterzufahren fällt schwer. Schnurgerade, unendlich lang wirkende Straßen durch dichte Wälder oder weite Felder und wenige Dörfer oder gar Städte prägen unsere weitere Reise. Der hohe, lichtdurchflutete Himmel verdunkelt sich zusehends. Plötzlich überholt uns ein polnischer Radfahrer und lädt uns von der Straße weg zu sich nach Hause ein. Bei Kaffee, Brot und Wurst unterhalten wir uns mit Händen und Füßen. Er lädt uns ein bei seiner Familie zu übernachten, doch wir wollen noch ein paar Kilometer weiterfahren und so lehnen wir dankend ab. Vor Trzebicz fängt es nun doch an zu regnen und auf Befragen erlaubt man uns in einem Holzlager zu übernachten. Doch schon wenige Minuten später kommt eine Frau mit einem großen und einem kleinen Hund zu uns und eröffnet uns, daß wir in ihrem Haus in einem Zimmer schlafen können. Draußen regnet es inzwischen fest, während wir sogar noch eine Dusche nehmen können. Das nennt man Glück!

Es ist gegen 7 Uhr und Sonntag morgen, als wir aufstehen und nach unten gehen, um unsere Schuhe im Kaminraum zu holen. Doch diesen Versuch lassen wir gleich wieder sein, denn beide Hunde schlagen sofort an. So müssen wir wohl oder übel doch die Hausbesitzerin wecken, denn sonst istan ein Verlassen des Hauses nicht zu denken. Kopfsteinpflaster begrüßt uns in Drezdenko, einer Stadt mit einem schönen Stadtkern. Über Wielen (ehemaliger Palast) geht es vorbei an Hügeln, auf denen schon von weitem der Raps leuchtend gelb schimmert.

Weiden und Felder, die sich sanft über kleine Hügel ausbreiten, Wege die von Fliederhecken – und büschen gesäumt werden, verschwiegene Häuser hinter grünem Pelz und von Bauerngärten umgeben – undendlich viele Eindrücke begleiten unseren Weg. Dazu kommt noch Gastfreundschaft – auf einem Rasenstück mitten im Hof dürfen wir unser Zelt aufschlagen und werden morgens noch zu einem ausgiebigen Frühstück eingeladen. Das Weiterfahren fällt schwer und ich ertappe mich bei dem Gedanken, daß man es hier auch länger aushalten könnte.

Zlocieniec (ehem. Falkenburg), Grabinek und Barwice sind weitere Stationen auf dem Weg in Richtung Ostsee. Wenig Autoverkehr und überraschend gute Straßen – so muß das Paradies für Radler aussehen! Ein Bad in einem der unzähligen Seen weckt neue Lebensgeister. Zu Hause nie gehörte Vogelstimmen begleiten uns auf kilometerlangen Alleen, die von mächtigen Bäumen gesäumt werden. Störche klappern hoch über den Dächern in kleinen Dörfern oder sind auf der Jagd in feuchten Wiesen.

Auf einem abgelegenen Bauernhof schlagen wir unser Zelt auf – die Kinder des Hauses sind heute Abend um ein Erlebnis reicher. Langsam versinkt die Sonne hinter dem Horizont und nur noch das gelegentliche Bellen des Hofhundes unterbricht die Stille. Immer mehr wirkt sich die Stille auch in mir selbst aus. Alle Handlungen sind ruhig und erfolgen mit Bedacht. Der Rhythmus des Radfahrens und der Rhythmus der Natur bewirken einen inneren Gleichklang. Unbeschreibliche Freude macht sich frei ……..

Nach einer längeren Fahrt entlang offener Felder und Wiesen  – selbst einen Fuchs sehen wir am hellen Tag – fragen wir in Mierzyn, ob wir im Hof eines Hauses unter einem Zeltpavillon (!) unser Zelt aufschlagen dürfen. Nachdem das halbe Dorf sich versammelt hat und die Hauseigentümerin und ihr Sohn uns mit Tee und Gebäck begrüßt haben, können wir das Zelt aufbauen. Schon kurz danach fängt es an zu regnen …
Selbst dem Nachbarshund verschlägt es bei unserem Auftritt die Sprache. Anschließend bekommen wir sogar noch ein original polnisches Abendessen.

Eine frische Brise von der Ostsee, aber sonniges und klares Wetter begrüßt uns am nächsten Morgen. Kolobrzeg (Kolberg) empfängt uns mit einigen sehenswerten Gebäuden und einer Konditorei, die wir mit zwei riesigen Plastiktüten verlassen. Im nahegelegenen Park genießen wir die wirklich hervorragend schmeckenden Köstlichkeiten. Ein Besuch am langgezogenen weißen Sandstrand rundet unseren Besuch in Kolberg ab. Auf einem Radweg durch den Wald fahren wir nun immer parallel zur Ostsee über Sarbinowo bis Mielno.

Wir fahren heute bis kurz vor Koszalin, da wir am nächsten Tag hier mit dem Zug in Richtung Frankfurt/Oder zurückfahren müssen. Ein letztes Mal begleitet uns ein vielstimmiges Vogelkonzert bis zu unserem Übernachtungsplatz : einer Obstbaumwiese neben langen Reihen von Johannisbeersträuchern. Schade, daß wir noch etwas zu früh sind, um Obst und Beeren zu probieren …

Den letzten Tag unserer Polen-Reise verbringen wir meist im Zug und über Stettin erreichen wir Kostrzyn. Von hier aus fahren wir noch rund 30 Km mit dem Rad über Slubice nach Frankfurt/Oder. Eine Radtour durch eine touristisch noch unbelastete Region geht ihrem Ende entgegen.

Do Widzenia (Auf Wiedersehen) ….

Hans Jürgen Stang

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