Von der Pfalz in die Toskana

Eine Fahrradreise durch Deutschland, Frankreich, Schweiz, Italien zur Insel Elba

Schon lange schlummerte sie im Hinterkopf – diese Idee der Alpenüberquerung und Weiterfahrt durch die Toskana bis zur Insel Elba. Am letzten Tag im August ist es dann soweit. Richard – mein Mitfahrer, der sich auf eine Zeitungsannonce hin gemeldet hat, steht vor der Haustür. Unsere gemeinsame Fahrt führt uns zunächst am Rhein entlang. Einmal auf der französischen Seite und dann wieder auf deutscher Seite. So wechselt auch unser Speiseplan zwischen Baguette und Schwarzbrot hin und her.

In Breisach werden wir nach einer längeren Fahrt im Regen in der dortigen Jugendherberge abgewiesen. “Ausgebucht” heißt es lapidar. So fahren wir, nachdem der Regen aufgehört hat, noch ein Stück am Rhein entlang, bevor wir in einem angrenzenden Waldstück unser Zelt aufschlagen. Gespenstig senkt sich abends der Nebel über den Fluß und die himmlische Stille zieht uns in ihren Bann. Bald haben wir Basel erreicht und erhalten hier einen Platz in der Jugendherberge, wo wir die Gelegenheit nutzen, unsere nassen Sachen zu trocknen. Weiter geht es die nächsten Tage bei wechselhaftem Wetter über Zürich, am Zürichsee entlang zum Walensee. Imposant um uns herum die Bergkulisse mit schneebedeckten Gipfeln. Jetzt geht es langsam aber sicher immer höher hinauf.

An einem wunderschönen Sonntag nachmittag fahren wir über Klosters in Richtung Davos. Beinahe aggressiv, wie Geschosse, überholen uns unzählige Autos und die Krönung ist ein Fahrzeug, das uns trotz Gegenverkehr entgegenkommt und uns fast in den Straßengraben abdrängt. Das Grinsen im Gesicht dieses Fahrers hat nichts mit dem Strahlen der Menschen zu tun, denen wir im Verlauf der Reise noch begegnen.

Es ist fast dunkel als wir endlich die Jugendherberge am Davoser See erreichen und müde in die knarrenden Betten fallen. Am nächsten Tag geht es weiter bergauf – schließlich müssen heute zwei Pässe überwunden werden. Gegen Mittag erreichen wir den 2388 m hohen Flüelapaß und am späten Nachmittag überqueren wir den Ofenpaß (2149 m). Damit haben wir die höchsten Erhebungen bei unserer Alpenüberquerung hinter uns. In der Jugendherberge von Santa Maria im Münstertal rauben uns schnarchende Motorradfahrer den Schlaf. Nach Deutschland, Frankreich und der Schweiz kommt am nächsten Tag der vierte Streich: wir erreichen die italienische Grenze.

“Jetzt sind wir im gelobten Land, wo Milch und Honig fließen” läßt mich Richard wissen und bei diesen herrlichen Aussichten ist es nicht verwunderlich, daß wir nach der Besichtigung von Glurns in Südtirol bei einem Obstplantagenbesitzer unser Zelt direkt vor dem Haus aufschlagen dürfen.   Sogar Toilette und Dusche dürfen wir benutzen – dafür zaubern wir im Freien ein Abendessen aus unseren Packtaschen, daß die Besitzer wohl so schnell nicht vergessen werden.   Äpfel in Hülle und Fülle – Südtirol ist neben Kalifornien das größte Apfelanbaugebiet der Welt -begleiten unseren Weg die nächsten Tage und über Meran und Bozen geht es weiter in Richtung Trento und Gardasee.  Bei einem italienischen “Dachgeber” schlagen wir unser Zelt im Garten eines Mietshauses auf – niemand hat etwas dagegen …

Bei Bardolino erreichen wir den Gardasee und nach einer kurzen Fahrt am See entlang geht es in Richtung Po-Ebene weiter.  Mantova oder Mantua, die ehemalige Residenzstadt der Gonzoga-Herzöge, mit seiner prächtigen Innenstadt und seinen Palästen lohnt einen Zwischenstop.  Die Weiterfahrt durch die Emilia Romagna überrascht uns mit kleinen Nebenstraßen und Wegen.  Auf einer Steinbrücke über einem kleinen Bächlein backen wir Apfel-Pfannkuchen und der vorbeikommende Bauer schenkt uns eine Flasche Wein dazu! Anschließend benötigen wir eine längere Siesta, bevor wir die Radtour fortsetzen können.

Zum Horror-Trip wird die Fahrt nach Sassuolo, dem Ausgangspunkt des Appennin-Gebirges. Ein Gewitterschauer und endlose LKW-Schlangen (wo kommen die plötzlich alle her?) fordern die deftigsten Sprüche und Flüche heraus. Nachdem wir abends in der Stadt noch den Eintritt in ein chinesisches Imbißlokal verwehrt bekommen und auch den Rückweg zu unserem Übernachtungsplatz nur nach längerem Suchen wiederfinden, sind wir für diesen Tag restlos bedient. Doch die am nächsten Tag beginnende Fahrt durch das Appennin-Gebirge entschädigt für alles.

Glasklare, würzige Bergluft, wenig Autoverkehr und Stille. Das Fahrrad läuft leise und leicht sanft bergauf. Das gleichmäßige Treten der Pedale macht den Kopf herrlich frei. Konzentriert arbeitend, aber ohne Hast, begegnen uns Menschen in den Dörfern und Höfen. Im Erleben dieser Dörfer, ihrer Bewohner und dann wieder den Feldern und Wäldern mit ihren eigenen Düften entsteht ein Gefühl des Einsseins und des Friedens.

Kalt sind die Nächte im Appennin – doch am Radici-Paß (1529 m) glitzert im Sonnenschein das Hinweisschild “Toskana”. Grandios die Wolkenformationen, die sich über den Höhenrücken der Paßhöhe wie ein Wattebausch legen. Wie ein Pfeil schießen wir in unzähligen Serpentinen ins Tal hinab. Körper und Geist sind ganz still. Das Rad fährt mich. Bei Castelnuovo di Garfagnana folgen wir dem Sérchio-Fluß und passieren eine alte römische Brücke, bevor wir die mittelalterliche Stadt Lucca erreichen. Die Altstadt ist noch sehr gut erhalten, viele Bauwerke vergangener Epochen sind zu besichtigen (Piazza Napoleone, San Frediano, Dom u.a.). Im Hotel, das wir erst nach längerm Hin- und Herfahren in der Stadt entdecken, kann es der Inhaber gar nicht glauben, daß wir die ganze Strecke von Deutschland aus bis zu ihm mit dem Rad gefahren sind. Dafür dürfen wir unsere Räder über Nacht in den Speisesaal stellen.

Wie aufgereiht an einer Perlenkette entdecken wir Städte und Dörfer in der Toskana in den folgenden Tagen:

San Miniato mit dem Turm Kaiser Friedrichs II., der herrlichen Aussicht und dem Dom. San Gimignano mit seinen 13 noch erhaltenen mittelalterlichen Türmen, deren Silhouette einen Vergleich mit New York aufkommen läßt.

Siena mit der Piazza del Campo und seinem 102 m hohen Turm. Der muschelförmige Campo-Platz übt eine Faszination aus, deren man sich nicht entziehen kann. Oder der prächtige Dom und die Vielzahl von Palästen und Bauwerken, wie z.B. die Kirche San Domenico. Oder Montalcino mit seiner trutzigen Burganlage, die sich über den Tälern des Ombrone und des Asso erhebt. Aber auch gerade die vielen unbekannten kleinen Dörfer und Weiler inmitten von Zypressenhügeln oder kleinen Wäldern und Weinbergen lassen unser Herz höher schlagen. Gastfreundliche Menschen verwehren uns selten eine Zeltplatz hinter dem Haus – fantastische Sonnenuntergänge und Aussichten auf die Umgebung inbe-
griffen. Auf der Fahrt nach Massa Marittima (sehenswerte Altstadt um die Piazza Garibaldi) genießen wir wilde Feigen am Straßenrand. Ein unübertroffener Geschmack!

Bevor wir zum Fährhafen nach Piombino weiterfahren werden wir bei der Mittagsrast vor einem Anwesen überraschend mit Wein und Wasser versorgt. Auch hier fällt uns die Weiterfahrt nicht leicht. Von Piombino geht es mit einer Schnellfähre – aufgrund dieser Schnelligkeit geht tatsächlich jedes Gefühl für Entfernungen verloren – zur Insel Napoleons: Elba.

Elba hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Griechen, Etrusker, Römer, Spanier, Engländer – ständig wechselten die Herrscher. Mediterrane Flora und blau schimmernde Buchten erwarten uns. Aber auch für unsere Begriffe viel zu viel motorisierter Verkehr. Bei Aquaviva treffe ich meine Schwester, die hier ihren Urlaub verbringt und schon sind wir Tagesgespräch im Hotel. Wir nehmen unser erstes und letztes Bad im Meer und uns wird langsam bewußt, daß wir am Endpunkt unserer Reise angekommen sind. Wir wollen noch einmal die Ruhe und Stille genießen und fahren deshalb hoch in die Berge. Poggio, was so viel heißt wie “Balkon” ist ein kleines, gemütliches Dorf mit schöner Aussicht auf die Küste. In der Nähe des höchsten Berges der Insel (Mt. Perone, 650 m) übernachten wir mit unserem Zelt unter einem Hüttenvordach. Und das war wahrscheinlich unser Glück, sonst hätte uns der Regen in dieser Nacht wohl fortgeschwemmt.

Bei der Abfahrt am nächsten Morgen fahren wir durch eine undurchdringliche Nebelwand bis Marina di Campo, wo wir an der Strandpromenade erst einmal herzhaft frühstücken. Bei unserer Weiterfahrt am nächsten Tag über die Insel kommen wir mitten in die Rallye Elba – der Motorenlärm hat uns gerade noch gefehlt. Nach einer weiteren Übernachtung nehmen wir das Schiff in Rio Marina und verlassen Elba. Von Piombino aus bringt uns der Fahrradbus bis München und mit dem Wochenend-Ticket der Bahn fahren wir sonntags bis nach Speyer zurück.

Eine erlebnisreiche Reise und 1750 Km mit dem Rad liegen hinter uns. Interessant auch die Tatsache, daß wir uns trotz des Altersunterschiedes (40 – 62) gut zusammen arrangiert haben. Ein gemeinsames Ziel verbindet eben und schweißt zusammen. Etwas, was in unserer heutigen Zeit zunehmend verloren zu gehen scheint.

Hans Jürgen Stang