Herbstliche Tour zwischen Odenwald und Main

2 · 23 · 09

Ein (Kurz-)Radreisebericht

1. Tag

An einem Sonntagnachmittag im Oktober fahre ich mit dem Zug bis Heidelberg und beginne die eigentliche Radtour entlang des Neckarufers auf dem Neckar-Radweg. Wenn die Sonne scheint – und das tut sie heute – ist es angenehm warm trotz des Fahrtwindes. Das Laub an den Waldhängen des Neckarufers ist herbstlich bunt in allen Schattierungen gefärbt – der vielgepriesene Indian Summer in Nordamerika könnte nicht schöner sein.

Zu meiner Überraschung hat eine Bäckerei mit Café in Hirschhorn, eine reizvoll am Neckartal gelegene Stadt, geöffnet und so genehmige ich mir noch ein Stück Kuchen als Stärkung, bevor es in den Odenwald weitergeht. Der Odenwald, dieses abwechslungsreiche Mittelgebirge erstreckt sich östlich der Rheinebene zwischen dem Neckar im Süden und dem Main im Norden. Zunächst leicht ansteigend, später auch etwas stärker und vor allem andauernd führt die Straße bis Beerfelden. Außer einigen Motorrädern, die mich mehr als einmal erschrecken, ist wenig Verkehr. Am Ortsausgang entdecke ich einen Bauernhof und einen Mann beim Arbeiten und nach einem kurzen Gespräch ist er bereit mich im Haus auf einer Couch heute Nacht schlafen zu lassen. Ein guter Beginn meiner Tour denke ich, bevor ich noch zu Fuß in die Stadt laufe und dort eine Kleinigkeit esse. Die Stadt selbst hat allerdings auch schon  bessere Zeiten erlebt – viele Geschäfte stehen leer. In Beerfelden entspringt in der Stadtmitte das Flüsschen Mümling aus einem in zwölf Röhren gefassten Brunnen. Am Abend darf ich mir mit dem Hausherrn im Fernsehen noch die Nachrichten und den Wetterbericht anschauen. Mehr möchte ich gar nicht sehen, denn schon bald fallen mir die Augen zu.
53 Km

2. Tag

Auch der nächste Tag startet wieder mit viel Sonnenschein. Doch es ist deutlich kälter geworden oder liegt es nur an der Höhenlage? Wie dem auch sei – ich friere erbärmlich an diesem Morgen. Dazu kommt noch, dass die Straße überwiegend bergab führt und durch schattigen Wald. Die Mümling begleitet meinen weiteren Weg von nun an. Ziemlich ausgefroren erreiche ich Erbach, eine kleine aber schöne Stadt mit Schloss, Orangerie und Lustgarten. Erbach ist auch das Zentrum der deutschen Elfenbeinschnitzerei. Wie dieses Handwerk hierher kam und was es hervorbringt, kann man im Elfenbeinmuseum anschauen.

Auch die nächste Stadt, nämlich Michelstadt lohnt eine Pause und einen Spaziergang durch die Stadt. Michelstadt ist der wichtigste Fremdenverkehrsort des Odenwaldes. Aus dem historischen Stadtkern ragen das zweitürmige spätgotische Rathaus am Marktplatz aus dem Jahre 1484 sowie der Marktplatzbrunnen mit dem heiligen Michael heraus. Die spätgotische Stadtkirche birgt Grabmäler der Grafen von Erbach.

Anschließend erreiche ich den Kurort Bad König, wo ich in einem Park neben dem Thermal-Außenpool der Odenwald-Therme eine Pause einlege. So ein warmes Bad wäre jetzt was Schönes denke ich für mich, während mich die Sonne langsam wieder etwas aufwärmt. Meine Trinkflaschen kann ich anschließend mit Heilwasser auffüllen. Jetzt kann ja für die weitere Fahrt nichts mehr schiefgehen. Die Odenwald Therme ist übrigens die einzige Thermalquelle Südhessens. Entlang von Wiesen, Feldern und Auen ändert sich immer wieder der Charakter der Landschaft. Beim Radreisen hat man Zeit und Muße diese Dinge zu erkennen und zu spüren. Obernburg erreiche ich am frühen Abend. Diese Stadt, an der Stelle eines einstigen Römerkastells gelegen, begrüßt den Besucher mit alten Stadttoren. In der Stadt befindet sich ein Römermuseum und die romanische St.-Anna-Kapelle. Aber ich fahre noch weiter – Wörth mit schönen Fachwerkhäusern und einem Schifffahrtsmuseum am Mainufer ist die nächste Station.

Dann komme ich nach Klingenberg, ein Ort der bekannt ist für seinen vorzüglichen Rotwein. Im Ortsteil Röllfeld begegnet mir ein Radler mit einem schwarzen Koffer auf dem Gepäckträger und einem Hund und soll man es „Zufall“ oder „Schicksal“ nennen: wenige Minuten später betrete ich mit ihm ein riesiges Haus als „Überraschungsgast“ für heute Nacht. Er selbst (und seine Frau übrigens auch) ist praktischer Arzt und war gerade auf dem Weg zu einem Hausbesuch. Heute Abend kann ich sogar den Luxus eines eigenen Zimmers mit Bett und Dusche genießen.
63 Km

3. Tag

Schon „früh“ sind die Kinder im Haus unterwegs und so heißt es auch für mich früher aufstehen. In der Küche frühstücke ich zusammen mit der ganzen Familie. Zum Glück kann ich das Rad in der Garage beladen, denn ein kurzer, aber sehr heftiger Schauer sorgt für eine Überraschung. Doch entgegen der gestrigen Wetterprognose scheint sogar anschließend wieder die Sonne. Ich setze meine einsame Fahrt am Main entlang fort. Entlang des Mains sind viele Streuobstwiesen anzutreffen. Man braucht sich nur zu bücken und die Äpfel aufzuheben. Still und ruhig ist es heute Morgen. Kein Wunder, es ist Werktag und die eigentliche Reisesaison ist schon vorbei.

Auch beim Bummeln durch Miltenberg begegnen mir keine Radler oder andere Touristen. Sehenswert in Miltenberg ist die verwinkelte Altstadt mit dem historischen Marktplatz und alten Fachwerkhäusern sowie die Mildenburg aus dem 13. Jahrhundert. Den Marktplatz schmückt der Marktbrunnen, der 1583 von dem Miltenberger Bildhauer Michael Junker aus rotem Sandstein geschaffen wurde. Das Ortsbild von Miltenberg prägen nicht zuletzt auch die Stadttore, wie zum Beispiel das Würzburger Tor. 

Am Zusammenfluss von Main und Tauber ist Wertheim mein nächstes Ziel. Am Marktplatz stehen viele schöne Fachwerkbauten. Nach einem Bummel durch die historische Altstadt laufe ich hoch zur Burgruine aus dem 12. Jahrhundert.

Am späten Nachmittag verabschiedet sich die Sonne am Himmel und es trübt sich ein. Gelegentlich fallen auch ein paar Tropfen Regen, die aber nicht der Rede wert sind. Vorbei an historischen Monumenten wie dem Fachwerkschloss Homburg und Kloster Triefenstein führt die Fahrt entlang des Mains nach Norden. Steile Weinberge wechseln mit bewaldeten Hängen von bunt gefärbten Laubwäldern. In Zimmern, einer kleinen Stadt am Main gelegen, finde ich keinen Übernachtungs-platz und so beschließe ich den Main-Radweg zu verlassen und die Straße „hoch“ in Richtung Karlstadt zu fahren. Immer zum Abschluss eines Tages ein anstrengendes Teilstück – manchmal scheint es einfach so sein zu müssen. Ich erreiche ein Dorf mit dem Namen Roden. Nach einigem Suchen bringt mich ein Mann zu einem leer stehenden Haus, das aber noch voll eingerichtet ist. Hier kann ich heute Nacht bleiben und kurze Zeit später kommt der Mann noch einmal vorbei und bringt mir ein Bier, zwei Flaschen Mineralwasser und schaltet im Keller sogar die Heizung für mich an! Erinnerungen an Polen oder Rumänien werden bei mir sofort geweckt. Aber dass so etwas in Deutschland noch möglich ist, hätte ich nicht gedacht. An diesem Abend bin ich sehr müde, deshalb bin ich ganz froh, dass ich hier allein bin.
83 Km

4. Tag

Ich verlasse das Haus am frühen Morgen so wie ich es vorgefunden habe und schließe die Tür hinter mir…
Das Wetter hat sich geändert. Es regnet schon bei der Abfahrt. Über Berg und Tal geht es nach Urspringen und dann wieder an den Main hinunter bis Karlstadt. Das historische Zentrum des Ortes ist sehenswert, doch wegen des Regens ziehe ich einen Aufenthalt ein einem Café einer Stadtbesichtigung zu Fuß vor. Auch der anschließende Badesee bei Erlabrunn kann mich nicht locken, habe ich bis dahin doch schon genügend Feuchtigkeit von oben herab zu mir genommen. Die Barockstadt Würzburg spare ich mir diesmal (da ich schon einmal hier war) und über Zell am Main und Oberzell geht es jetzt weg vom Main und das heißt erst einmal einige Anstiege zu bewältigen. Über Helmstadt, Neubrunn, Werbach führt die Route weiter nach Hochhausen. Der Ort macht seinem Namen alle Ehre. Es geht wirklich immer „höher“ hinaus und da ich hier auf kleinen Nebenstraßen unterwegs bin, ist die Orientierung gar nicht so einfach. Dafür genieße ich herrliche Rundblicke auf die liebliche Landschaft und inzwischen hat auch der Regen fast aufgehört. Auf einem befestigten Wirtschaftsweg erreiche ich den Ort Königheim. Schließlich finde ich auch hier kurz vor Einbruch der Dunkelheit noch eine Familie mit großem Herz. Der „Opa“ bringt mich in sein Gartenhäuschen, wo sich sogar eine Liege befindet und ein Kohleofen. Dieser wird von ihm sofort in Betrieb gesetzt, nur mit Kerzenlicht muss ich mich zufrieden geben, meint er. Doch Strom ist jetzt für mich in dieser Situation nebensächlich. Und: eine warme Suppe entschädigt für eine fehlende Wasch- oder Duschgelegenheit. Im Übrigen hatte ich ja fast den ganzen Tag heute schon eine Dusche von oben.
73 Km

5. Tag

Der Morgen beginnt mit Nebel und wieder einigen Steigungen bis Walldürn. Ich folge jetzt dem Odenwald-Madonnen-Radweg. Teilweise kann man wegen des Nebels sogar die Ortsschilder wegen des dichten Nebels nicht erkennen. Nach einem kurzen Stadtbummel in der Altstadt von Walldürn tanke ich noch etwas Wärme in einem Café, bevor es wieder weitergeht. Jetzt kommt doch die Sonne zum Glück hinter den Wolken heraus, trotzdem ist es ziemlich kalt und ich kann meine Radler-Handschuhe gut vertragen. Buchen im Odenwald ist die nächste Station meiner Reise. Der Ort selbst besteht aus einem mittelalterlichen Stadtkern mit einem barocken Alten Rathaus.

Dort muss ich noch etwas Dickeres unter meine Jacke anziehen. Der Odenwald zeigt sich jetzt wieder von seiner schönsten Seite: Sonnenlicht und Schatten im Wechselspiel, buntes Herbstlaub, leichte Steigungen und hinter Reisenbach eine lange, lange Abfahrt. Schließlich erreiche ich Eberbach am Neckar. Ein Abstecher in die Altstadt lohnt sich, auch wenn der Ort sonst etwas unübersichtlich auf mich wirkt. Bei Eberbach ragt der 626 Meter hohe Katzenbuckel als höchste Erhebung des Odenwaldes und dem Neckartal auf.

Ich entscheide mich, weiter entlang des Neckars bis Hirschhorn, dem eigentlichen Ausgangspunkt meiner Reise, zu fahren. In Hirschhorn überquere ich zum letzten Mal den Neckar und radle zum Bahnhof. Die letzte Etappe dieser Kurzreise führt mit dem Zug nach Speyer und dann die letzten 8 Km wieder mit dem Rad nach Harthausen.
83 K

Bei dieser Radtour durch das Dreiländereck von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen konnte ich den Herbst in vollen Zügen genießen. Den Odenwald mit seinen ausgedehnten, ursprünglichen und bunt gefärbten Wäldern und die von Fachwerkbauten geprägten historischen Städte. Den Main auf gut ausgebauten Radwegen mit morgendlichen oder abendlichen Nebel- oder Sonnenstimmungen, umrahmt von Bergen, Weinbergen und Anhöhen. Diese Ecke Deutschlands ist gerade auch im Herbst eine Reise wert!

Hans Jürgen Stang

18.11.200

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