Grenzwanderung

Zu Fuß unterwegs mit einem Wanderwagen/Pilgerwagen
13. – 20. Oktober 2017

Vorbemerkung

Ich wollte schon immer einmal eine mehrtägige Wanderung mit Zelt unternehmen – doch bei längerem Tragen eines “schweren” Rucksacks bekam ich Kreuzschmerzen. Daher habe ich mich mit den auf dem Markt erhältlichen Wanderwagen oder Pilgerwagen näher beschäftigt. Da diese jedoch sehr teuer sind, habe ich zu Versuchszwecken einen billigen Radanhänger mit einer Deichsel gekauft und diesen so umgerüstet, daß ich ihn mit einem Gurt und daran befestigten Karabinerhaken ziehen kann. Mir ging es bei diesem Experiment vor allem darum festzustellen, ob mir diese Art des Wanderns überhaupt gefällt.

1. Tag

Eslarn – Wildpark – Lindau – Dietersdorf – Stadlern ca. 17 km plus Umweg

Mit dem Auto lasse ich mich nach Eslarn/dt. Grenze zu Tschechien “ chauffieren”. Am Atzmannsee beginnt die Wanderung mit dem Zeichen der “Jakobsmuschel” auf dem Nurtschweg. Auf ebener Strecke und entlang einer Wiese läßt sich der Wagen mit meinem Gepäck (Ausrüstung, Zelt, Schlafsack, Isomatte) gut ziehen.
Dann geht es durch einen Wald und der Weg wird immer schmaler und ist von Hecken, insbesondere stacheligen Brombeerhecken teilweise überwuchert. Über Äste und Steine muß ich den Hänger balancieren. Offensichtlich ist dieser Weg schon lange nicht mehr begangen worden. Zwei Mal kippt mir der Wagen um, doch ohne Schaden. Auf dem weiteren Weg stehen überall Pilze, die ich “überfahren” muss, da der Weg so schmal ist. Ich komme an einem Wildpark vorbei und danach kommt eine längere Schotterstrecke. Bei Lindau verlaufe ich mich und muss einen Umweg gehen um wieder in die richtige Richung zu gelangen. Nun geht es hoch in einen Wald hinein. Das Ziehen des Wagens bergauf ist ohne Hilfe der Hände nicht mehr möglich und ganz schön anstrengend! Dafür belohnt mich oben auf der Anhöhe ein schöner Ausblick mit Sonnenschein. Nach einer Rast erreiche ich Dietersdorf. Da wollte ich eigentlich gar nicht hin, also nehme ich als weiteren Weg eine Straße bzw. einen Radweg parallel zur Straße, der mich nach Stadlern führt. Neben einem Sportplatz am Rand einer Wiese entdecke ich einen guten Platz zum Zelten. Doch es ist noch zu früh und so laufe ich bis in die Ortsmitte, wo ich die Fortsetzung meines (morgigen) Weges finde. Gegenüber der Kirche ist ein Buswartehäuschen und so nutze ich die windgeschützte Gelegenheit und koche mir auf dem Gaskocher ein Nudelgericht. Das Wasser habe ich mir mit meinem Wassersack vom nahege-legenen Friedhof besorgt. Friedhöfe sind nicht nur angenehm friedlich, sondern auch ausgesprochen nützlich. Denn in der Regel ist immer ein Wasserhahn zu finden. Nach dem Essen und Geschirrspülen laufe ich zu dem Platz, den ich vorher “entdeckt” habe zurück und etwas versteckt hinter Holzstapeln schlage ich mein Zelt auf. Schon nach 19 Uhr bin ich damit fertig. Die Kurzwäsche und der erneute Spaziergang zur Ortsmitte dauern auch nicht lange. Außer der Kirche und der Feuerwehr gibt es hier nichts. Unter einer Straßenlaterne schreibe ich noch Tagebuch und kurz nach 20 Uhr bin ich wieder an meinem Zeltplatz. Sehr früh krieche ich heute in den Schlafsack und das sollte in den nächsten Tagen nicht anders sein.

 

2. Tag

Stadlern – Charlottenthal – Steinlohe – Treffelstein – Witzelsmühle – Biberbach – Stratsried – Hirschhof – Perlsee – Waldmünchen ca. 20 km (?)

Nach einer langen, sternenklaren und kühlen Nacht stehe ich auf. Das Zelt ist außen nur wenig feucht als ich gegen 7 Uhr morgens anfange abzubauen. Mein selbst gemixtes Müsli mit Wasser ist das Frühstück heute morgen im schon bekannten Buswartehäuschen. Erstaunte Blicke der vorbei fahrenden Autofahrer. Auf einem Grasweg und entlang eines Ackers führt der Weg nach Charlottenthal. Dann weiter hinein in den Wald und zu einem Weg mit vielen Wurzeln und Geäst. Erneut eine Herausforderung für mich und meinen Wagen. Hinter Steinlohe verlaufe ich mich und beschließe eine andere Route zu nehmen. Im Prinzip ist es ja egal welchen Weg ich laufe! So erreiche ich Treffelstein – einen ansprechenden Ort mit einer Burg und einer großen Kirche. Hier finde ich zum Glück einen kleinen Lebensmittelladen und eine Bäckerei, die gerade dabei ist, ihre Pforten zu schließen. Da morgen Sonntag ist, ist das die letzte Einkaufsgelegenheit. Die meisten Dörfer – das wird auch der weitere Weg zeigen – haben keinerlei Einkaufsmöglichkeiten mehr. Wanderer und Fußgänger sind in unserer Gesellschaft eben auch nur Randerscheinungen.
Nach einer längeren Essenspause komme ich am Silbersee vorbei. Weil der Blick auf den Badestrand und den See so schön ist und die Sonne warm auf die Haut scheint, bleibe ich auch hier eine Weile. Der folgende Weg führt immer am See entlang und dann auf einer für Autos noch gesperrten Straße bis Biberbach. Durch hügelige Landschaft laufe ich auf einem Radweg und dann ein Strück auf der Straße (zum Glück kein Verkehr). Etwa 3 km vor Waldmünchen fülle ich an einem Haus meine Wasserflasche und den Wassersack auf und marschiere weiter in Richtung des Perlsees. Dort gibt es sogar einen Campingplatz, doch ich bevorzuge meinen eigenen Campingplatz. Diesen finde ich oberhalb des Perlsees und unmittelbar vor der Einfahrt nach Waldmünchen auf einer Wiese am Waldrand. Diese ist von außen kaum einsehbar. Da es noch etwas Zeit ist bis zur Dämmerung koche ich mir erst mal etwas mit meinen restlichen Nudeln. Die anschließende Wassersack-Dusche tut gut, denn aufgrund des relativ warmen Wetters habe ich viel geschwitzt. Mit Einbruch der Dunkelheit gegen 19 Uhr steht das Zelt und anschließend schreibe ich wieder Tagebuch an einer Straßenlaterne auf dem nahe gelegenen Parkplatz mit Blick auf den Perlsee. Danach noch etwas herumtrödeln und früh geht es wieder zurück ins Zelt.

 

 

 

3. Tag

Waldmünchen – Kreuzfelsen – Althütte – Voigtenberg – Furth im Wald – Drachensee ca. 22 – 25 km

Um 5 Uhr morgens sorgen eiskalte Füsse für das Ende meines Schlafes. Dabei entdecke ich den Beginn einer Blase an meiner linken Ferse, die ich sogleich im Zelt mit Blasenpflaster versorge. Lange vor 7 Uhr in der Frühe stehe ich noch im Halbdunkel auf, verstaue alle meine Sachen im Wagen und baue das Zelt ab. Auch heute morgen ist es nur außen leicht feucht. Es ist Sonntag morgen, noch nicht mal 8 Uhr als ich durch Waldmünchen laufe und fast kein Mensch ist zu sehen. Außer in einer Bäckerei, die wie gerufen für mich kommt. Ich kaufe Brot und ein paar Brötchen. Leider ist der Kaffeeausschank nicht in Betrieb – etwas warmes hätte ich heute schon vertragen können. Auf einer Bank frühstücke ich erst einmal ausgiebig Joghurt mit Müsli und die Brötchen mit meiner mitgebrachten (selbstgemachten) Brombeermarmelade. Lecker!
Es dauert lange, bis ich den weiteren Weg, den Europa-Fernwanderweg E 6 in Richtung Furth im Wald, finde. Abseits der Hauptstraße führt er durch nasses Gras und dann steil hoch in den Wald. Ich komme ins Schwitzen. Dann mehr und mehr Steine auf dem Weg, der immer holpriger wird. Dazu noch schmaler und steiler. Ein paar Mal muss ich den Wagen über große Felssteine tragen. Das geht in die Knochen. Lange geht es hoch bis zu einem Aussichtspunkt, dem Kreuzfelsen in
832 Metern Höhe. Definitiv kein Weg für einen Wagen! Doch das nützt mir jetzt wenig. Der Abstieg ist noch viel schwieriger. Der Wagen drückt und schiebt mit Wucht gegen den Rücken. Ich muss höllisch aufpassen. Einmal falle ich hin….
Es dauert wieder unendlich lange bis ein “Laub-Stein-Weg” kommt, der besser zu laufen ist. Vor allem auch nicht mehr so steil bergab führt. Ziemlich geschlaucht erreiche ich gegen Mittag die Siedlung Althütte. Im letzten Winter war ich hier Ski-Langlaufen! Vor einer kleinen Kapelle mache ich erst einmal Rast und trockne die Zelt-Unterlegfolie und das Zelt in der Sonne. Nach einem weiteren Anstieg folgt dann ein langer Abstieg bis Voigtenberg. Schöne Häuser befinden sich hier fast mitten im Wald. Später folgt ein weiterer, längerer und steilerer Abstieg. Wieder muss ich den Wagen mit dem Körper abbremsen. Einem Bachlauf und einer Wiese folgend erreiche ich einen Parkplatz und von hier aus sind es noch 2 km entlang einer Straße bis nach Furth im Wald. Heute spüre ich ganz schön meine Füsse. Ich komme in der Stadt an einem Eisladen vorbei und da kann ich nicht widerstehen. Den vielen Menschen in der Warteschlange davor geht es offenbar genauso. Kein Wunder bei dem Bilderbuchwetter. Auf einer Bank vor dem Rathaus esse ich erst mal etwas und ruhe mich aus. Es ist kurz nach 16 Uhr und ich entscheide mich nicht dem weiteren E 6 Fernwanderweg zu folgen, sondern einen Weg in Richtung Eschlkam zu nehmen. Dieser Weg führt zunächst zum Drachensee und am See entlang. Mit Blick auf den See nehme ich mein Abendbrot zu mir, bevor ich einige Zeit später den See verlasse und einer ansteigenden Straße folge. Die Straße führt hoch zu einem Aussichtsturm mit herrlichem Blick auf den Drachensee und die Umgebung. Ich beschließe spontan auf der unteren Ebene dieses Turmes mein Zelt für die Nacht aufzuschlagen. Der Boden ist gepflastert, der Raum bis auf eine Eingangsöffnung rundum mit Holz verkleidet. Also sehr gut windgeschützt. Als ich gerade beginne, das Zelt aufzubauen, kommt eine Joggerin in den Turm. Während ich unten das Zelt langsam aufbaue, macht sie oben auf der Aussichtsplattform einige Gymnastik-übungen. Anschließend verlässt sie den Turm ohne etwas zu sagen und joggt weiter. Jetzt kann ich nur hoffen, daß sie nicht auf die Idee kommt, die Polizei zu rufen. Bald ist es stockdunkel und ich bin völlig allein hier. Dafür bewundere ich einen fantastischen Sternenhimmel!

 

 

 

 

4. Tag

Drachensee – Eschlkam – Leming – Brünst – Neukirchen a.hl.Blut – Vorder/Hinter=
buchenberg – Warzenried – Seugenhof ca. 18 km (?)

Trotz “wärmerer” Nacht nicht besonders gut geschlafen. Der See unter mir liegt noch im Dunst als ich nach 7 Uhr morgens los gehe. In Eschlkam komme ich zum Rathaus mit neuem Tourismusbüro. Der Mann im Büro gibt mir eine sehr gute Kartenkopie und Beschreibung für die heutige Etappe auf dem Ostbayerischen Jakobsweg. Außerdem noch eine Wegbeschreibung des tschechischen Pilgerweges von Prag bis Vseruby/dt. Grenze. In einem Cafè im Ort trinke ich eine heisse Schokolade und esse etwas von der dortigen Bäckerei. Hier entschließe ich mich nach der heutigen Etappe einen Rückweg oberhalb von Neukirchen a.hl.Blut/Eschlkam zu laufen und dann auf einem Teilstück des tschechischen Pilgerweges von Vseruby (Grenze) über Kdyne bis Klatovy in Tschechien zu laufen.
Der Weg heute ist sehr schön und vor allem nicht so anstrengend wie gestern! In Leming gibt es einen Jakobsbrunnen und eine Sitzbank unter einem Apfelbaum. Es gibt sogar noch einige Äpfel, die ich gleich in meinem Gepäck verstaue. Kurz vor Neukirchen befindet sich ein Klangschalen-Weg. Sehr inspirierend und ineressant. In Neukirchen a.hl.Blut kommt der Weg oberhalb der Wallfahrtskirche an und man hat einen tollen Blick entlang des Kreuzweges bis zur Kirche und über blühende Rapsfelder. Nach Besichtigung der Wallfahrtskirche folge ich der Straße zu einem Einkaufsmarkt und kaufe Proviant ein. Dann laufe ich ins Zentrum des Ortes und hinter dem Rathaus, in einem Garten einer ehemaligen Kirchenburg halte ich meine Mittagsrast. Schon vorher habe ich festgestellt, daß ich unterwegs meinen Wassersack verloren habe. Das heißt ab sofort steht mir noch weniger Wasser (1,5 l in einer Plastikwasserflasche) abends zur Verfügung. Heute bin ich echt müde und sehr langsam. Der gestrige Tag fordert seinen Tribut. Nach der Rast und einem WC-Besuch im Rathaus laufe ich durch kleine Dörfer und teils auf kaum befahrenen Straßen hoch in Richtung tschechischer Grenze. Nach Warzenried erreiche ich Seugenhof und auf dem Wander/Radweg spricht mich ein Radler an und wir kommen ins Gespräch. Ich frage, ob ich das Zelt bei ihm auf dem Grundstück aufstellen kann und er stimmt zu. Zuerst lädt er mich aber zu einem Bier auf der Terrasse ein. Später kommt seine Frau dazu und nach einer Weile bietet man mir einen Schlafplatz auf einer Liege im Haus an. Natürlich nehme ich dankbar an und in Windeseile sind meine Sachen im Haus untergebracht. Nach einem weiteren Bier kann ich mit der Familie zu Abend mit essen. Was für ein Luxus an diesem Abend!

 

  

 

5. Tag

Seugenhof – Vseruby (Neumark) – Kdyne – Branisov – Modin ca. 20 km

Heute nacht habe ich den Rolladen im Zimmer nicht ganz geschlossen, damit ich nicht in die Verlegenheit komme zu spät aufzustehen. Nach 7.30 Uhr frühstücke ich oben in der Küche mit der Frau im Haus. Die Kinder und der Ehemann sind schon zur Arbeit bzw. Schule. Warmer Kaffee mit Milch und davon gleich 2 Tassen. Wenn man das unterwegs nicht jeden Tag hat, weiß man es wieder richtig zu schätzen. Deshalb tut der zwangsläufige Verzicht auf viele sonst alltäglichen Dinge gut – er macht demütiger, bescheidener.
Es ist noch neblig, als ich auf dem ostbayerischen Jakobsweg erst am Waldrand entlang und dann durch den Wald los laufe. Der Nebel löst sich aber bald auf und nach Passieren einer neu errichteten “Pilgermuschel” erreiche ich die Landesgrenze. Ab der Grenze in Tschechien führt der Weg entlang der Straße. Durch Vseruby hindurch geht es bis Hayek und am Ortsende beginnt ein Wiesenweg, der immer steiler hoch hinauf führt zur Kirche St. Anna (Tanaberk). Hier benötige ich erst einmal eine Verschnaufpause. Dafür geniesse ich den Rundblick bis Eschlkam/Hoher Bogen. Der weitere Weg ist ein ständiges Suchen der blauen Markierung, steil hoch am Berg. Viel Geäst und Brombeerranken über dem Weg – wieder eine schwierige Teilstrecke für mich und meinen Wagen. Dass ich die Markierung nicht verliere grenzt an ein Wunder. Nach dem Erreichen des Raj-Höhenrückens mit Denkmal und Aussicht geht es noch einmal hoch zum Cenice-Gipfel (642 m). Auch hier gleicht es einem Wunder, dass ich den Weg immer wieder finde. Dann folgt ein Geröllweg steil bergab. Mit aller Kraft muß ich mich gegen den Wagen stemmen und dabei aufpassen, daß ich nicht auf dem Geröll ausrutsche. Nach dem Suchen und Finden einer weiteren Markierung entlang einer Wiese bis Praporiste folgt der restliche Weg der Straße, die jedoch kaum von Autos befahren ist. Ich gelange nun ins Zentrum von Kdyne und da ich Hunger habe gehe ich in das nächst gelegene Restaurant und bestelle das Tagesessen. Danach beruhigt sich erst einmal mein Magen. Auf einer Bank in der Sonne ruhe ich mich aus und versorge meine Blase, die jedoch schon eingetrocknet ist. Im Tourismusbüro bekomme ich gutes Kartenmaterial für die heutige Etappe und in einer nahegelegenen Scheune findet gerade eine Erntedankausstellung statt, die mir sehr gut gefällt. Dann verlasse ich die Stadt auf einem ansteigenden Weg in den Wald. Waldeinsamkeit. Kein Mensch weit und breit. Nur Bäume, Büsche, Gras. Was für eine Stille! Sehr schöner Mischwald und mitten im Niemandsland liegt der kleine Weiler Branisov. Leider ist es noch zu früh um hier zu übernachten. Also laufe ich noch weiter. Nach etwa 3 km komme ich nach Modin – gerade 4 Häuser! An einem Haus frage ich nach Wasser und ob ich in einem offenen, halb mit Strohballen gefüllten Schuppen das Zelt aufstellen kann. Der Mann bejaht und zieht sich wieder in sein Haus zurück. Ich wasche mich hinter dem Schuppen, esse etwas und schreibe mein Tagebuch. Dann wird es schon dunkel und Zeit das Zelt aufzubauen. Um mich herum Enten, Hühner, Katzen. Zum Glück haben sich die bellenden Hunde beruhigt und das soll heute Nacht auch so bleiben.

 

 

 

6. Tag

Modin – Nevdek – Nova Viska – Soustov – Vitana – Bézdekov – Benovy – Klatovy – Tajanov ca. 21 km

Bei klarem Sternenhimmel muß ich heute Nacht zwei Mal aus dem Zelt zum Pinkeln. Was für eine Ruhe und Abgeschiedenheit hier, zum Glück sehen oder hören mich die Hofhunde in der Nähe nicht. Frühmorgens esse ich eine Kleinigkeit im Zelt und noch bei Dämmerung baue ich es ab. Zunächst geht es einen langen, breiten Waldweg entlang bevor ein Wiesenweg zu einer Straße überleitet. Hier unten im Tal ist noch dichter Nebel und nur Silhouetten sind zu erkennen. Es dauert sehr lange bis sich der Nebel auflöst. Aber dann sieht es so aus, als würde die Sonne golden durch das Laub scheinen. Sämtliche Ortschaften die ich heute durchlaufe haben keine Einkaufsgelegenheit. Nicht immer einfach für einen Langstreckenwanderer, denke ich. Erst viel später in Bézdekov kann ich das längst ersehnte Frühstück nachholen. Eine wunderschöne Baumallee, die mich an meine Radreisen in Frankreich erinnert, begleitet mich bis Soustov. In Benovy geht es noch einmal steil hoch zu einer Kirche, die aber wie leider viele Kirchen in Tschechien, verschlossen ist. Dann folgt der Abstieg bis Klatovy. Auf ruhigen Straßen und gut markiert geht es am Busbahnhof und dann auf Rad- und Fußwegen bis direkt ins Stadtzentrum. Da ich großen Hunger habe, esse ich beim nächst besten Imbißlokal (ein Chinese) Nudeln mit Kebab. Dann muß ich mich erst eine Weile in einem Park ausruhen, bevor ich ins Tourismusbüro gehe. Den Wagen kann ich für eine Zeitlang dort stehen lassen und mit einem Stadtplan in der Hand mache ich mich auf zu einer Stadtbesichtigung. Viele Kirchen, Türme und Reste der Stadtbefestigung sind zu sehen. Als ich an einem Eiscafé vorbei komme, kann ich wieder einmal nicht widerstehen und so gönne ich mir ein Eis bevor ich die Stadt wieder verlasse. Zunächst auf dem gleichen Weg wie ich gekommen bin, dann entlang von Bahnschienen und Schrebergärten bis nach Tajanov. Da langsam die Dämmerung naht, fällt mir ein Spielplatz, umgeben von Hecken als Schlafplatz ins Auge. Doch kaum habe ich meinen Wagen abgestellt kommt schon ein Mann und macht mir unmissverständlich klar, daß ich hier nicht erwünscht bin. Ausgerechnet der Mann, bei dem ich zwei Minuten vorher meine Wasserflasche aufgefüllt habe. Als ich anfange zu diskutieren droht er mir unverhohlen mit der Polizei. Er hat wohl schon einmal schlechte Erfahrungen mit “Deutschen” gemacht. Da ich hier keinen Blumentopf gewinnen kann, hänge ich mir wieder meinen Wagen an meinen Gürtel und laufe davon. Nach etwa 1 ½ km bin ich im Wald und entdecke eine Art Jagdhütte/Holzhütte am Waldrand neben einer Wiese und einem Bach. Da es inzwischen schon dunkel geworden ist, habe ich keine Alternativen mehr und so schlage ich das Zelt hinter dem Haus auf der Wiese auf. Dazu brauche ich schon das Licht meiner Stirnlampe. Zwei Mal muß ich den Aufbau unterbrechen und meine Lampe ausschalten, da Autos vorbei fahren. Aber danach kehrt Ruhe ein. Auf der Terrasse der Hütte esse ich mehr oder weniger im Dunkeln um nicht gesehen zu werden, bevor es wieder früh ins Zelt geht.

 

 

 

 

 

7. Tag

Tajanov – Andelice – Urslavice – Véckovice – Vilov – Usilov – Mezholezy – Némecice – Uboc – Vsèpadly ca. 22 km

Sehr früh am Morgen wird mir kalt im Zelt. Der Nieseldunst vom nahegelegenen Bach und der Wiese dringt in alle Ritzen des Zeltes und in mich. Ich esse mein letztes Müsli mit meinem gestern gekauften Joghurt und noch bei Dunkelheit baue ich das Zelt ab. Mit der Stirnlampe auf dem Kopf laufe ich los. Nachdem ich den Wald verlassen habe, ist der erste Ort nicht der, den ich erwartet habe. Also geht es weiter über Stock und Stein, entlang Wiesen und am Waldrand. Nach zwei kleinen Ortschaften folge ich ewig lang einem Fahrweg durch den Wald – schier endlos. Und am Ende komme ich in Vilov an – da wollte ich auch nicht hin. Heute ist der Tag der nicht gefundenen Wege! Also muß ich wieder einmal die Route umdisponieren. Und da ich schon über 3 Stunden am Stück gelaufen bin, mache ich hier auf einem Spielplatz erst mal Pause. So kann ich das Zelt und die Folie auf den Spielgeräten zum Trocknen aufhängen. Auf dem Kocher mache ich mir die restlichen Nudeln warm. Mehr gibt es mangels “Material”, sprich fehlender Einkaufsgelegenheit, nicht. Wie gut, daß ich unterwegs noch ein paar Äpfel finde! Nach dieser längeren Pause laufe ich weiter bis Mezholezy. Von hier aus geht es sehr steil hoch in den Wald bis Nemecice. Hier fülle ich Wasser auf. Der einzige Laden im Ort ist auch schon lange geschlossen. Passend vor einer Wandertafel schreibe ich Tagebuch. Da ich heute sehr früh los gegangen bin, habe ich noch viel Zeit – während die Beine schon müde sind…
Nach längerer Rast geht es weiter nach Uboc, ein Ort der mir sehr gut gefällt. Hier hole ich Wasser bei einem Haus und frage nach etwas Brot. Und ich bekomme sogar welches. Die grüne Markierung führt mich hoch in den Wald, doch bald laufe ich im Kreis und die Markierung ist nach Überquerung einer Wiese nicht mehr zu finden. Am Ende muß ich einen Feldweg hinunter zur Straße gehen und habe Uboc fast wieder vor der Nase! Also gehe ich die Straße entlang in die andere Richtung und komme zum Dorf Vsèpadly. Hier ist auch die blaue Markierung, der ich später weiter folgen muß. Am Ortseingang sehe ich oberhalb des Ortes eine kleine Kapelle und ein Mann mit einem deutschen Autokennzeichen sagt mir, nachdem ich ihn angesprochen habe, daß es kein Problem sei, dort oben an der Kapelle zu zelten. Da scheine ich wohl nicht der erste hier zu sein. So laufe ich den Weg hoch und baue das Zelt hinter der Kapelle auf. Allerdings ist das Gras recht hoch. Ein späterer Gang in das Dorf zeigt, daß es auch hier längst nichts mehr zu kaufen gibt. Ein Blick auf meine noch vorhandenen Vorräte ergibt: etwas Käse, 1 Brötchen, 3 Scheiben trockenes Brot, 3 Äpfel. Immerhin und besser als gar nichts mehr, auch wenn man davon nicht unbedingt satt wird. Aber auch diese Erfahrung wieder einmal zu machen ist wichtig, um den alltäglichen Luxus in dem wir eigentlich leben, zu erkennen. Müde krieche ich heute Abend in den Schlafsack – ein langer Tag mit vielen Umwegen!

 

 

 

8. Tag

Vsèpadly – Hradiste – Milavce – Blizejov – Horsovsky Tyn – Vévrov ca. 21 km

Wieder zeigt sich, daß mein Schlafsack für kalte Nächte nicht geeignet ist. Obwohl es noch dunkel und neblig ist, stehe ich zwangläufig auf und baue das Zelt ab. Als ich das Dorf in Richtung Wald verlasse, ist der Weg nur schwer zu erkennen. Doch zum Glück finde ich immer wieder die blaue Markierung. Ich muß eine lange Bergkuppe überwinden und das bedeutet viel Ziehen mit beiden Händen am Deichselgriff des Wagens. Kurz vor Erreichen des höchsten Punktes kreuzt ein großes Rudel Rehwild meinen Weg. Ein Reh davon hat ein komplett weißes Fell! Ein tolles Erlebnis. Die breite Strecke bergab fordert wieder höchste Aufmerksamkeit und Konzentration, zumal es immer noch neblig ist und die Sicht sehr eingeschränkt ist. Über eine feuchte Wiese – im Handumdrehen sind meine Schuhe klatschnaß – erreiche ich das Dorf Hradiste. Verlockend ein Hinweisschild auf einen Lebensmittelladen. Doch wie fast immer ist auch dieser schon lange Zeit geschlossen. Nun folgt ein langer Weg auf der Straße bis Milavce. Hier gibt es eine Quelle neben einer Kapelle und ich fülle meinen Wasservorrat auf. Außerdem gibt es ausnahmsweise sogar ein Lebenmittelgeschäft im Ort, wo ich mir etwas zu essen kaufen kann. Der Weg führt anschließend weiter entlang der Straße bis Blizejov und kurz vor dem Dorf Lazce biegt ein Feldweg ab, der hoch führt zu einem Aussichtsturm. Auch hier wäre ein guter Übernachtungsplatz denke ich, doch eine Übernachtung ist hier nicht nötig, da ich heute bereits auf dem Heimweg bin. Ein Radfahrer macht hier eine kleine Rast so wie ich auch. Dann geht es auf einem Geröllweg steil bergab und ich muß den Wagen mit meinem Körpergewicht abbremsen. Ich komme nach Horsovsky Tyn. Nach Querung der Hauptverkehrsstraße folge ich dem mir schon bekannten Weg bis Borovice. Von dort aus sind es noch 2 km entlang der Straße bis Vévrov. Am späten Nachmittag bin ich dann wieder zu Hause.

Fazit der Wanderung:

Viel Glück hatte ich mit dem Wetter. Für Mitte Oktober konnte es nicht besser sein. Aufgrund des trockenen Wetters hatte ich auch keine Probleme mit nassen Kleidungsstücken oder Sachen. Da ich nur im Zelt übernachtet habe, hätte zu viel Nässe zu Problemen führen können.
Im Vergleich zu einer Reise mit dem Rad ist es schwieriger als Wanderer eine Übernachtungsalternative zu finden, falls es abends mit einer Übernachtung nicht gleich funktioniert. Zu Fuß ist man deutlich eingeschränkter – mit dem Rad kann man noch schnell 5 – 10 km weiter fahren. Aber nach einem langen Wandertag sind ein paar Kilometer mehr schwierig und auch zeitlich nicht immer zu schaffen (einbrechende Dunkelheit). Ein großer Vorteil dieser Art des Reisens im Vergleich zum Radfahren ist jedoch die noch größere Ruhe und Abgeschiedenheit. Es liegt in der Natur der Sache, daß das nicht jedem gefällt. Mit dem Reiserad bin ich meist an Straßen und damit zwangsläufig an Autoverkehr gebunden. Zu Fuß bin ich überwiegend oder zumindest sehr oft fern von jeglichen Straßen und Verkehr. Das hat dann eine andere, neue Dimension (siehe dazu den Text am Ende dieser Zeilen).
Es ist gut, daß ich diesen Versuch mit einem Wander/Pilgerwagen gemacht habe. Das waren wertvolle Erfahrungen. Insbesondere denke ich, daß zwei Holme/Griffe zum Ziehen und Einhängen an einen Körpergurt besser sind, als ein Holm/Deichsel wie ich es hatte. Außerdem war mir die Ladefläche (Kiste) fast zu klein um alle meine (sperrigen) Sachen wie Zelt, Iso-Matte, Schlafsack gut und sicher zu verstauen.

Hans Jürgen Stang

Zum Abschluß hier noch ein Text, den ich vor vielen Jahren einem Buch über den Appalachian-Trail (USA) entnommen habe:

Geht man zu Fuß durch die Welt, nimmt man Entfernungen vollkommen anders wahr. Ein Kilometer ist ein Spaziergang, zwei Kilometer sind ein weiter Weg, zehn Kilometer ein ordentlicher Marsch, und 50 Kilometer liegen fast jenseits der Vorstellungskraft. Außerdem ist das Leben einfach und geregelt. Zeit hat nicht die geringste Bedeutung mehr. Wenn es dunkel wird, legt man sich schlafen, wenn es hell wird, steht man auf, und alles,was dazwischen liegt, ist das, was dazwischen liegt. Mehr nicht. Es ist herrlich. Wirklich, glauben Sie mir. Man hat keine Termine, keine Bindungen, keine Verpflichtungen und keine Aufgaben, man hat auch keine besonderen Ambitionen, man hat nur die kleinsten, schlichtesten Wünsche, die sich leicht erfüllen lassen. Man existiert in einem Zustand der gelassenen Langeweile, der keine Aufgeregtheit etwas anhaben kann, “endlos fern von den Stätten des Streits”, wie es einer der früheren Forscher und Pflanzenkundler, William Bartram, ausdrückte. Das einzige, was einem abverlangt wird, ist die Bereitschaft weiter zu trotten.
Eile ist völlig fehl am Platz, weil man nirgendwo hin muß. Egal, wie weit oder lange man wandert, man ist immer am gleichen Ort, im Wald. Da war man gestern, und da wird man morgen wieder sein. Der Wald ist grenzenlos in seiner Einzigartigkeit. Hinter jeder Wegbiegung eröffnet sich ein Ausblick, der sich von allen vorherigen nicht unterscheidet, und ein Blick in die Baumkronen bietet immer das gleiche Gewirr. Es könnte passieren, daß man sinnlos im Kreis geht, man würde es nicht merken. Aber eigentlich wäre das auch egal.