Elsaß-Tagebuch

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Inhalt:

    • Vorwort
    • Einzelne Tagesetappen (27.08. – 03.09.1990)

Vorwort

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Fahrrad-Reiseführern über Ziele in aller Welt. Dieses „Büchlein“ soll jedoch kein Reiseführer dieser Art sein. Ich möchte vielmehr denjenigen Menschen Mut machen eine ähnliche Radtour zu unternehmen, die sich dies bisher nicht zutrauten. Auch diejenigen, die spüren, dass wir uns in der jetzigen hektischen Zeit immer mehr von der Natur und von Teilen unseres Innern entfernt haben, sind angesprochen. Gerade die Reise mit dem Fahrrad, wie sie nachfolgend beschrieben ist, eröffnet uns bisher verborgen gebliebene Möglichkeiten. Die Tour mit dem Fahrrad erfordert ein hohes Maß an innerer Bereitschaft, an Durchhaltevermögen und Risikobereitschaft. Sie stärkt unser Selbstwert-gefühl und macht uns die Verantwortung für die Natur und die Schöpfung wieder bewusst.
Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“. Es würde mich freuen, wenn auch Sie diesen ersten Schritt wagen!
Ihr
Hans Jürgen Stang

Montag, 27.8.1990

Da stehe ich nun mit meinen beiden Gepäcktaschen kurz vor 8 Uhr vor der Garage. Gut gelaunt, doch ich bemerke meine innere Anspannung. Oder soll ich besser sagen – Aufregung? Oh ja, Nervosität über das, was kommen wird, packt mich. Kaum habe ich meine Gepäcktaschen am Gepäckständer befestigt, bemerke ich, dass auf dem Hinterreifen gar keine Luft mehr ist. Wieso frage ich mich – ich hatte doch vorgestern erst frisch die Reifen aufgepumpt. Hektisch entferne ich die Gepäcktaschen wieder vom Gepäckträger, schiebe das Rad in den Hof und schaue mir den Reifen genauer an. Oh nein! Ein Plattfuß – auch das noch vor dem Start. Ich werde immer nervöser, weil ich weiß, dass jeden Moment mein Freund und Mitfahrer Georg kommen muss. Ich bin jetzt auch besonders nervös, weil ich diesen an sich einfachen Reifenwechsel in meiner Kindheit nie selbst durchführen konnte. Und wenn ich einmal einen Handgriff machen durfte, war er garantiert falsch. So jedenfalls ist es mir in Erinnerung geblieben. Deshalb wundert es mich nicht, dass mir der Angstschweiß auf der Stirn steht, als ich den ersten Handgriff vornehme. Da kommt Georg – welch ein Glück für mich – denke ich. Denn jetzt kann ich bestimmt die Arbeit mit ihm zusammen teilen. Aber er lässt mich die Arbeit fast allein durchführen. Sie gelingt mir auch ohne Georgs Hilfe gut und das erzeugt ein Gefühl der Stärke in mir. Jetzt bin ich ihm sogar dankbar, dass er mir die Arbeit nicht abgenommen hat. Auf einmal sieht die Sache ganz anders aus. Voller Schwung wird das Rad wieder beladen und mit einer halben Stunde Ver-spätung sind wir endlich startklar. Der Himmel über uns ist leicht bewölkt, aber schon nach wenigen Kilometern zeigt sich die Sonne. Mit gleichmäßigem Tritt fahren wir zunächst bis Lingenfeld auf einem Fahrradweg an Feldern und Gärten vorbei.
Wir könnten den Fahrradweg noch ein Stück am Altrhein entlang fahren, doch wir wollen eine kurze Verbindung bis zur Grenze nach Weißenburg nehmen. So geht es in flotter Fahrt über Bellheim, Rülzheim, Rheinzabern und Kandel bis Minfeld. Kurz hinter dem Ort machen wir unter Obstbäumen die erste Rast. Als ich jetzt vom Rad steige merke ich zum ersten Mal meine Beine.  Wir essen den für den ersten Tag mitgenommenen Proviant und trinken Tee. Nach dieser Pause sind wir beide wieder frisch für die weitere Fahrt. Mit jedem Tritt in die Pedale, so kommt es mir vor, entferne ich mich immer mehr vom Alltag. Ich spüre förmlich, wie ich mich langsam aber sicher davon löse. Wir überqueren die Grenze zu Frankreich an einem nicht mehr besetzten Grenzübergang und ich frage mich nach dem Sinn einer Grenze ohne darauf eine Antwort zu finden. Mein Tachometer am Fahrrad zeigt 54 km an, als wir gegen Mittag in Weißenburg einfahren. Im ersten Supermarkt kaufen wir Proviant für den Abend ein. Die Stadt selbst lassen wir bei dieser Radtour „links liegen“. Stattdessen fahren wir gleich weiter. Jetzt wird es bergig und ich fange schnell an zu schwitzen. Bis Climbach gibt es einige Steigungen, wo wir beide zum ersten Mal das Rad schieben müssen. Auch den Anstieg zum 430 m hohen Col de Pigeonier können wir nur zu Fuß bewältigen. Doch wie heißt es so schön: „Wer sein Rad liebt, der schiebt“. Getreu diesem Motto erreichen wir den höchsten Punkt und wir genehmigen uns daraufhin eine Pause. Dann geht es über Berg und Tal nach Lembach, wo ich Geld wechseln will. Doch ich muss feststellen, dass die Banken heute geschlossen haben. Zum Glück hat Georg noch französische Francs dabei und so ist die Sache halb so schlimm. Bei Obersteinbach schauen wir uns in der Gegend etwas um und plötzlich fällt mein Rad – das ich auf den Fahrradständer gestellt habe – um. Als ich es aufhebe sind die Fahrradtaschen mit ausgelaufenem Joghurt verschmiert. Ich fluche wie ein „Rohrspatz“, doch Georg macht mich darauf aufmerksam, dass es eben passiert ist und ich jetzt nichts mehr daran ändern kann. Eine einfache Erkenntnis, aber für mich ist es trotzdem schwer, sie zu beherzigen. Kurz vor Sturzelbronn folgen wir einem Hinweisschild zu einem Campingplatz. Dieser liegt zwar schön an einem See, doch das ganze Ufer ist mit Wohnwagen und kleineren „Vorgärten“ belegt. Wir melden uns an und bekommen den schlechtesten Platz des ganzen Campingplatzes zugewiesen: eine mit Ästen und Wurzeln übersäte Fläche. Wir schlagen unser Zelt auf und bevor wir etwas essen und uns zum Schlafen zurückziehen nehmen wir ein Bad im nahe gelegenen See – ein herrlicher Tagesabschluss.
91 km

Dienstag, 28.8.90

Nach dem Aufstehen frühstücken wir in aller Ruhe Joghurt mit Müsli vor dem Zelt. Das Zelt ist vom Tau der Nacht klatschnass und es bleibt uns nichts anderes übrig als es nass einzupacken. Wir kommen gleich zu Beginn des heutigen Tages ins Schwitzen, als wir bis Bitche einige Steigungen zu bewältigen haben. Die letzten Meter bis zur Zitadelle schieben wir die Räder hoch und stellen sie dann ab.
Mächtig und wehrhaft thront die Zitadelle über der Stadt. Sie wurde 1659 nach den Plänen von Vauban, dem Architekten Ludwigs XIV. erbaut. Zweimal überstand sie eine lange Belagerung. Nach einer ausgedehnten Besichtigung zu Fuß gehen wir noch kurz in die Stadt, wo ich nun Gelegenheit habe, Geld umzutauschen. Dann verlassen wir die Stadt auf einer steil hoch führenden Ausfallstraße – mir geht fast die Puste aus. Schwitzend gehen wir die letzten Meter zu Fuß. Anscheinend haben wir durch die lange Steigung etwas die Orientierung verloren, denn die Straßenabzweigung, die wir eigentlich nehmen wollten, verpassen wir. So fahren wir auf kleinen Nebenstraßen über Berg und Tal bis Goetzenbruck. Das ständige Auf- und Ab macht hungrig. Mitten im Wald machen wir Rast und essen Käse, Wurst und Brot. Diese Stärkung können wir auch gut gebrauchen, denn bis La Petit-Pierre sind noch einige Anstiege zu bewältigen. Eine abwechslungsreiche Wald- und Wiesenlandschaft entschädigt jedoch für alle Mühen. In La Petit-Pierre, was auf Deutsch so viel heißt wie „Lützelstein“ bietet es sich an die gut erhaltene Burg zu besichtigen. Doch wir sind ziemlich erschöpft und so nehmen wir davon Abstand. Auch das macht den Reiz einer Radtour auf eigene Faust aus: man ist völlig frei in seinen Entscheidungen. Wenn man Lust hat etwas zu tun, dann tut man es einfach, wenn nicht, lässt man es eben sein. Kein Reiseleiter oder Führer, der drängt oder Ratschläge gibt. Du bist völlig auf dich gestellt.
Mittlerweile hat sich eine Gewitterfront genähert und durch deren Ausläufer fahren wir über Petersbach, Ottwiller und Weyer hindurch. Auf einer Anhöhe neben einer Wiese und Obstbäumen schlagen wir das Zelt auf. Es ist schwül und wir sind ziemlich fertig, überraschend taucht ein Mann auf – es ist der Bauer dem die Wiese gehört. Ich befürchte das Schlimmste. Doch er beginnt ein Gespräch und hat nichts dagegen, dass wir heute Nacht hier bleiben. Wir bekommen sogar noch Wasser zum Waschen. Wer hätte das gedacht? Hier bestätigt sich wieder einmal der Satz: „ Die meisten unserer Befürchtungen treten nie ein“. Trotzdem machen wir uns unnötige Gedanken und Sorgen. Wer sich einmal an derartige Situationen in seinem Leben erinnert, der wird mir hier sicher zustimmen können.
Heute genießen wir noch lange vor dem Zelt die Abendstimmung und den schönen Sternenhimmel.
60 km

Mittwoch, 29.8.90

Kein Lärm umgibt uns, als wir gemütlich aufstehen. Zur Abwechslung gibt es heute einmal ein besonders kräftiges Frühstück. Auf dem Gaskocher bereiten wir Eier mit Schinken und Tomaten zu. Es dauert nicht lange und wir sind satt. Nach dieser kräftigen Stärkung fahren wir los. Wir sehen gleich mehrere Greifvögel bei ihrem majestätisch anmutenden Flug. Ich bin tief beeindruckt – auch von der Landschaft, durch die wir nun auf Nebenstrecken fahren. Ich habe das Gefühl mich im Einklang mit der Natur zu finden. Ganz im Gegensatz zu einer Fahrt mit dem Auto.
Wir erreichen Fenètrange, wo wir etwas Proviant einkaufen und spazieren gehen. Entlang einer Waldstraße kommen wir zu einem See (Long Etang), wo wir vergebens einen Zugang suchen. Ein dichter Schilfgürtel umgibt den See. In der Nähe von Mittersheim machen wir eine Pause und essen Joghurt und Mirabellen, die hier reichlich am Baum hängen. Das schmeckt! Am See von Mittersheim kommen wir endlich zu unserem Bad. Erfrischt finden wir anschließend zu unserer Überraschung einen gut zu befahrenden Weg entlang der Saar. Beiderseits der Kanäle wurden nämlich in Frankreich sogenannte „Treidelpfade“ angelegt. Das sind schmale Wege, auf denen Pferde zum Ziehen, das heißt „Treideln“ der Lastkähne eingesetzt wurden. Heute zieht zwar kein Pferd mehr, doch die Wege sind geblieben.
Bei herrlichem Sonnenschein, keinem Autoverkehr und entlang einer schönen Landschaft führt uns der Treidelweg 15 km an der Saar entlang. Georg holt die Mundharmonika aus dem Gepäck und spielt. Dann stimmen wir Lieder aus der Mundorgel an. Wie schön es doch ist, nicht auf den Autoverkehr achten zu müssen! Kein Lärm und kein Gestank – angenehme Gefühle die wir doch oft schon verdrängt haben.
Auf der linken Seite des Kanals Wiesen, Wälder und kleinere Seen. Ich erkenne Reiher und viele Wasservögel. Keine Frage – hier müssen wir eine Nacht bleiben. Direkt neben dem Treidelpfad bauen wir das Zelt auf. Wir kochen Suppe und Spaghetti und würden mit keinem Hotel der Welt heute tauschen wollen.
Die Stille wirkt schon fast unheimlich. Ich frage mich, warum ich eigentlich dieses Gefühl habe und komme zum Schluss, dass ich diese Stille einfach nicht mehr gewöhnt bin. Alles was fremd ist, wirkt eben zunächst einmal bedrohlich. Wir sind ja gewohnt mit Lärm und Hektik täglich zu leben. Nun gibt es aber noch (zum Glück) ganz andere Situationen und an diese neuen Situationen müssen wir uns erst wieder einmal gewöhnen. Daher halte ich es für wichtig, gerade diese Kontraste (Ruhe, Stille) bewusst neu zu erleben.
54 km

Donnerstag, 30.8.90

Als ich morgens meine Gepäcktaschen öffne, springt gerade eine Maus von einer Tasche herunter. Nun entdecke ich, dass sie ein Stück der Seitentasche regelrecht abgenagt hat! Da bin ich ja zum Glück noch rechtzeitig gekommen. Nach dieser morgendlichen Überraschung bauen wir völlig ungestört das Zelt ab und fahren los. Nach kurzer Fahrt müssen wir das Rad über eine Fußgängerbrücke auf die andere Seite des Kanals hoch tragen. Nur Vögel begleiten uns jetzt durch diese fast unberührte Landschaft. Nachdem nun der Treidelpfad immer schlechter wird und schließlich nur noch aus mehr oder weniger großen Steinen besteht, verlassen wir ihn. Die Landstraße entlang geht es über Xures, Parroy, Crion bis nach Luneville. Kurz vor der Stadt werden wir das erste Mal von einem kurzen Landregen erwischt und erreichen durchnässt das Schloss von Luneville. Hier können wir uns umziehen. Gleich darauf hört es auf zu regnen. Wir schauen uns das in den Jahren 1703 bis 1720 nach dem Vorbild von Versailles erbaute Schloss, den Schlosspark sowie die Innenstadt mit der Kirche St. Jaques näher an. Bei bedecktem Himmel verlassen wir die Stadt und fahren auf der Nationalstraße bis Baccarat. Was für ein Verkehr! Welch ein Unterschied zur Fahrt an der Saar entlang. Nur wenige Stunden liegen dazwischen – doch für uns sind es Welten. Ich mache Tempo, damit wir bald diese Straße verlassen können. Unterwegs liegt ein Campingplatz und ich will die Toilette benutzen. Doch man belehrt mich: nur falls ich hier übernachte, darf ich sie benutzen. Hier hat der Tourismus und die Geschäftemacherei wohl schon kräftig zugeschlagen. So fahren wir weiter in das Stadtzentrum von Baccarat. Da wir beide recht hungrig und durstig sind, kaufen wir heute etwas mehr ein als sonst: Baguette, verschiedene Sorten Käse, Wurst sowie eine Flasche Rotwein. Mehr oder weniger zufällig entdecken wir am Flussufer im Ort einen schönen Campingplatz. Hier bleiben wir. Mein Blick geht heute öfters zum Himmel hoch, denn es sieht sehr trüb aus. Vor dem Zelt essen wir heute Abend wie die Könige und trinken den Rotwein. Der Alkohol macht uns zu schaffen. Nach einem kurzen nächtlichen Stadtbummel legen wir uns zum Schlafen ins Zelt. Es regnet stark heute Nacht und mitten in der Nacht macht Georg einen Satz und schafft es gerade noch vor das Zelt zu kommen…
73 km

Freitag, 31.8.90

Wir wachen früh auf – der Regen prasselt auf das Zelt. Ich öffne den Zelteingang und der Blick zum Himmel spricht Bände. Es sieht nicht gut aus. So bleiben wir noch lang im Zelt liegen, bevor wir aufstehen. Aber es regnet weiter und so schlagen wir bei strömendem Regen das Zelt ab und beladen unsere Fahrräder. Mir wird dabei deutlich, wie abhängig der Radfahrer von der Natur doch ist. Dies klingt schon fast negativ. Doch ist es wirklich negativ zu sehen? Als Mensch wird mir hier meine eigene Grenze deutlich, es zeigt mir, dass ich nicht alles so beliebig machen kann wie ich es will. Die Natur hilft mir – auch wenn es zunächst so aussieht als sei sie gegen mich – meine Ich-Bezogenheit zu überwinden. Im Alltag zeigt uns zum Beispiel das Auto, dass wir das Wetter (scheinbar) überwinden können. Als Radfahrer musst du dich dem Wetter anpassen, es akzeptieren und vielleicht auch einmal eine Fahrt kürzen oder abbrechen. Es zeigt mir, dass ich nicht gegen die Natur, sondern nur mit ihr handeln kann. Als Autofahrer mache ich mir darüber gar keine Gedanken und so wundert es mich nicht, wenn ich irgendwann einmal zur Natur und Umwelt eine „Gleichgültig-keitshaltung“ entwickle. In waldreicher Gegend und auf Nebenstraßen fahren wir bis St. Die. Die Straßen sind hier oft nur so breit wie bei uns Feldwege. Kurz vor St. Die hört der Regen auf und so gehen wir in ein Lokal, wo wir ein „Menü“ zu uns nehmen und gleichzeitig unsere Kleider trocknen. Mit vollem Bauch fahren wir in das Stadtzentrum, wo wir die Räder abstellen. Ein Stadtbummel ist bei dem heutigen Wetter wohl noch die beste Alternative. Da wir mit weiteren Regenfällen rechnen und unser Zelt schon klatschnass ist, beschließen wir in der Jugendherberge zu übernachten. Als wir dort ankommen, ist der Herbergsvater noch nicht da und wir treffen eine Brasilianerin, die uns Kaffee kocht und eine Melone mit uns teilt. Wie so oft in Frankreich hängen die Betten im Schlafraum total durch. Ein Wanderer, der mit uns im Schlafsaal ist, legt sich gleich auf den Boden, so wie er es auch bei seinen Wanderungen in der Natur macht.
31 km

Samstag, 1.9.90

Heute morgen frühstücken wir gemeinsam in der Jugendherberge. Nach dem Schokopudding mit Müsli sieht das trübe Wetter draußen schon wieder besser aus. Nachdem wir losgefahren sind halten wir schon bald an einem riesigen Supermarkt. Ich fühle mich von dem Warenangebot fast erschlagen. Ich frage mich, ob das Angebot wirklich so groß sein muss, dass man schon fast nicht mehr weiß was man überhaupt nehmen soll. Auf jeden Fall bin ich froh, dass wir diesen „Konsumtempel“ bald verlassen und endlich wieder auf dem Fahrrad sitzen. Wir fahren wieder über ruhige Nebenstraßen durch Frapelle, Coroy-La-Grande bis Lubine. Jetzt folgt ein über 3 km langer stetiger Anstieg. Der Puls schlägt immer stärker, Schweiß rinnt aus allen Poren. Endlich eine Kurve und dahinter bist du bestimmt auf der Anhöhe, sage ich mir. Doch weit gefehlt. Hinter jeder Kurve geht es weiter nach oben. Es scheint kein Ende zu nehmen. Georg ist schon weit vor mir. Nur mit Mühe kann ich mithalten. Wut steigt in mir auf. Warum ist er schneller als ich? Ich merke, wie ich gegen mich selbst aggressiv werde. Dadurch setze ich mich selbst unter Druck. Es dauert eine Weile bis ich begreife, daß ich es eben akzeptieren muss, dass Georg am Berg stärker ist als ich. Es ist eine wichtige Lektion die ich hier lerne. Akzeptieren – immer wieder geht mir das Wort im Kopf herum. Und je mehr ich von meiner Wut loslasse, desto mehr Kräfte werden bei mir frei. Auch wenn ich 200 m hinter Georg fahre komme ich ans Ziel, sage ich mir. Jetzt nur nicht aufgeben. Oben sehe ich eine Hinweistafel: Col d‘ Urbeis (602 m). Gleich bin auch ich am Gipfel. Endlich!
Erschöpft, aber glücklich es geschafft zu haben, reichen wir uns die Hände. Unbeschreibliche Gefühle werden frei. Wir haben es geschafft, ohne ein einziges Mal vom Rad zu steigen.
Aus dieser Erfahrung ziehe ich den Schluss, dass wir im Leben auch oft zu Leistungen in der Lage sind, die wir uns gar nicht oder kaum zutrauen.
Jetzt müssen wir aber warme Sachen anziehen, da wir verschwitzt sind. Nun beginnt eine 10 km lange Abfahrt durch die Vogesen. Ich kann es kaum fassen – eben habe ich noch geschwitzt und jetzt nach der Abfahrt friere ich erbärmlich. Uns ist so kalt, dass wir sogleich beschließen uns auf dem Gaskocher einen Tee zu kochen. Ausgerechnet jetzt ist die Gaskartusche leer, doch zum Glück haben wir Ersatz dabei. Georg holt noch schnell ein Baguette in einer Bäckerei und so machen wir gleich Mittagsrast. Wir befinden uns im Ort Ville, wo wir viele schöne Fachwerkhäuser bewundern. Bei Hohwarth müssen wir dann ein langes Wegstück schieben. Dafür haben wir eine schöne Aussicht auf die jetzt hinter uns liegenden Vogesen. Je mehr ich mir die Berge ansehe, desto stolzer bin ich darauf, den Aufstieg über den Col d‘ Urbeis geschafft zu haben. Bei Andlau haben wir wieder eine herrliche Fernsicht – diesmal in die andere Richtung. Das Elsaß liegt weit auseinander gezogen vor uns. Sogar das Straßburger Münster können wir gut erkennen. In Andlau selbst besuchen wir eine der ältesten Elsässer Abteikirchen und machen einen Rundgang durch die Stadt. Viele schöne Innenhöfe fallen ins Auge. Etwa 3 km von Andlau entfernt entschließen wir uns auf einer Wiese neben einem Bauschuttlager zu zelten. Ein nicht gerade schöner Platz, aber wir sind ungestört. In aller Ruhe kochen wir Tortellini und zum Nachtisch gibt es wie in Frankreich üblich Käse mit Weißbrot.
54 km

Sonntag, 2.9.90

Wir frühstücken in freier Natur. Die Vögel zwitschern und die Sonne scheint. Was wollen wir mehr?
Unsere erste Station ist heute Mittelbergheim, wo wir wieder schöne Fachwerkhäuser bewundern. Über dem Ort erhebt sich die Ruine der bis ins frühe 19. Jahrhundert bewohnten Burg Hohen-And1au. Nun kommen wir auf die „Route du Vin“, der elsässischen Weinstraße. Ein Dorf ist hier schöner als das andere. Und immer wieder Ausblicke auf die Vogesen und die umliegenden Orte. Da nehme ich die vielen kleinen Steigungen gern in Kauf. An einem Bach bei Scherviller machen wir Pause und essen die gestern gekauften Joghurts. Danach verlassen wir wieder die „Route du Vin“ und über Ebersheim, Moutersholz und Hilsenheim geht es weiter bis Benfeld. Eine schöne Strecke entlang vieler Maisfelder. Bei Valff finden wir auf einer Wiese mit Obstbäumen einen guten Platz für unser Zelt. Zunächst fahren wir jedoch erst einmal in den Ort, wo wir an einem Haus nach Wasser für unsere Flaschen am Rad fragen. Aus dieser Frage heraus entwickelt sich ein Gespräch und wir werden zu einem Stück Mirabellenkuchen eingeladen. Welch ein Genuss! Dann bekommen wir noch ein Glas Elsässer Wein serviert. Wir sind überrascht von der positiven Lebenseinstellung der schon älteren Familie. Hier ist nichts zu spüren von Vorurteilen oder Misstrauen gegenüber fremden Menschen. Ich bemerke, dass wir uns oft im Alltag ver-suchen von anderen abzugrenzen. Dabei geht viel Energie verloren. Ist es so schwer auf Andere zuzugehen? Ich bin nachdenklich. Es dauert lange bis wir Abschied nehmen und zu einem Lokal fahren, wo wir „Tarte flambee – den elsässischen Flammkuchen essen. Wir schlagen gewaltig zu und der anschließende Mirabellenschnaps hat es in sich. Es ist schon fast dunkel, als wir das Zelt auf der Wiese aufbauen. Ein Bauer kommt gerade hinzu, doch auch er ist sehr freundlich und wir dürfen bleiben. Wir unterhalten uns lange und dabei erfahren wir, dass er früher Soldat in Speyer war. Er legt uns nahe kein Feuer zu machen, was wir ja auch nie beim Wildzelten machen. Es versteht sich auch von selbst, dass kein Abfall zurückgelassen wird. Wenn sich jeder Camper an diese einfachen Dinge hält, wird der Bauer auch beim nächsten Besucher noch freundlich sein. Nachts hören wir komische Geräusche vor dem Zelt.
62 km

Montag, 3.9.90

Schon beim Aufstehen regnet es heute. Das Zelt ist nass, die Wiese erst recht und auch das Fahrrad. Der Himmel ist regenverhangen und verspricht nichts Gutes. Aber es hilft alles nichts, wir müssen weiter. Als wir Obernai erreichen lässt der Regen nach und so unternehmen wir einen kleinen Stadtbummel.
Wir sehen ein von diversen Kriegen und Bränden verschontes, geschlossenes Stadtbild. Nachdem wir Proviant für die Weiterfahrt eingekauft haben, fahren wir über Molsheim weiter. Es regnet wieder leicht, aber das ist nicht so schlimm wie die fahrenden Autos und Lastwagen, die ganze Wasserfontänen auf uns schleudern. Über Dachstein, Fürdenheim, Truchtersheim geht es bis Brumath am Marne-Kanal. Mitten auf einer Waldstrecke werden wir von einem heftigen Regenschauer überrascht.
Wie auf Bestellung befindet sich direkt an der Straße eine Forsthütte mit überdachter Terrasse, wo wir uns mit den Fahrrädern unterstellen können. Während es stark regnet machen wir uns Milch auf dem Kocher warm und essen Käse und Wurst. Natürlich darf auch ein Baguette, das französische Weißbrot nicht fehlen. Als wir mit dem Essen fertig sind, hat auch der Regen nachgelassen. So fahren wir über hügliges Gelände weiter bis Kaltenhouse. Nach langem Überlegen entscheiden wir uns nicht bis Haguenau zu fahren und dort noch eine Nacht zu bleiben, sondern gleich zurück in die „Heimat“ durchzufahren. So geht es über Souff1enheim, Niederroedern, Salmbach bis zur Grenze nach Scheibenhardt. Hier überqueren wir die Grenze zur Pfalz und nach einer letzten Stärkung mit Joghurt fahren wir über Büchelberg, Kandel, Rülzheim die gleiche Strecke wie zu Beginn unserer Tour zurück. Müde von der langen Strecke, aber auch mit einem neuen „Kilometerrekord“, den wir gar nicht beabsichtigt haben, erreichen wir Speyer. Ich blicke auf den Tageskilometerzähler: 142 km! Ich hätte nie gedacht, dass ich so weit an einem Stück fahren kann. Doch auch hier bestätigt sich wieder, zu welchen Dingen wir in der Lage sind, die wir vorher nicht für möglich halten.
142 km