Der globale Stau oder der Wahnsinn geht weiter

Kürzlich las ich einen Artikel in einer deutschen Zeitschrift. Dort zitierte man die Aussage einer jungen Chinesin in Peking:
„Lieber sitze ich weinend auf dem Rücksitz eines BMW als lachend auf einem Fahrrad“.
Diese Aussage spricht Bände. Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen, darüber meditieren. Dann erkennt man, wie weit unsere automobile Welt schon fortgeschritten ist. Denn was sich in der Hauptstadt und vielen anderen Städten eines ehemaligen „Fahrrad-Landes“ abspielt ist nicht mehr zu begreifen. Die Zahl der Autos in Peking ist seit dem Jahre 2000 von 1,5 auf 5 Millionen gestiegen. Früher fuhren vier von fünf Chinesen mit dem Fahrrad zur Arbeit, heute sind es noch nicht einmal mehr 15 Prozent. Doch wie hoch ist der Preis dafür? Smog, verpestete Luft, ständiger Stau, Lärm, Hast und Eile. Für was? Ist der Autowahn der westlichen Länder wirklich so nachahmenswert? Und muss man ihn womöglich sogar noch übertreffen? Bereits vor zwei Jahren hat China die USA als größten Automarkt der Welt überholt. Der unglaubliche Autoboom besonders in Asien und Lateinamerika ist der Grund dafür, dass die Fahrzeugflotte auf der Erde weiter ungebrochen wächst. Weltweit werden laut einer Prognose des renommierten World-Watch-Institutes aus Washington erstmals mehr als eine Milliarde (1 000 000 000) Autos, LKW und Busse auf den Straßen des Globus rollen oder meistens stehen. Und eine Trendwende ist immer noch nicht in Sicht. Trotz Megastaus und Luftverpestung geht es munter so weiter. Ich hätte mir das in dieser Form vor 20 Jahren, als ich den Artikel „Das Auto und der Mensch“ überarbeitet habe, nicht träumen lassen. Auch auf meinen Radreisen in den letzten Jahren habe ich den überall zunehmenden Autoverkehr immer mehr zu spüren bekommen. In vielen Städten wird man so zum Einzelkämpfer. Viele direkte Fernverbindungen zwischen Metropolen kann man gar nicht mehr mit dem Rad befahren, es sei denn man setzt sein Leben aufs Spiel.

Geht man in der Stadt zu Fuß, kann man oft nur unter Lebensgefahr eine Straße überqueren. Wer es nicht glaubt – es ist Alltag in Mittel- und Südamerika und in anderen Kontinenten. Ich hatte auch gehofft, von Glauben kann schon lange keine Rede mehr sein, dass die Menschheit Mittel und Wege, Alternativen dagegen findet. Aber die Macht der Autolobby, die Verflechtung der Autokonzerne- und Zuliefererbetriebe mit den Entscheidungsträgern der Politik ist zu groß, um eine Veränderung zu bewirken. Also müssen – wir wollen es ganz offensichtlich nicht anders – härtere Ereignisse und Dinge geschehen. Wie zum Beispiel echte Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder ähnliches.
Ich kenne das Lächeln von Menschen auf Fahrrädern durch meine Reisen und im Alltagsverkehr sehr gut, ich habe viele Menschen lächeln sehen bei meinen Rikschafahrten – es ist einfach anders als die Mienen beim Autofahren. Durch eine Scheibe von der Umwelt, von der Natur und seinen Mitmenschen abgetrennt zu sein ist kein natürlicher Zustand. Ist das nicht ein echter Grund zum Weinen?

Hans Jürgen Stang
Im März 2013